Oldenburg Die Wahrheit, die man nicht unbedingt hören will, versteckt man am besten im Keller. In ein fensterloses Büro mit ein paar Computern werden sechs Mitarbeiter des US-Senats gepfercht – drei Demokraten, drei Republikaner –, die die Folterpraktiken der CIA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aufarbeiten sollen – ohne Frischluft, ohne Papier und ohne Drucker.

Die Republikaner werden schnell wieder abgezogen, vom Rest halten nur zwei durch – der Teamleiter und ein Assistent, fünf Jahre lang. Am Ende steht „The torture report“, der Folter-Report. So wird er im Vorspann des Films genannt, das Wort „Folter“ geschwärzt, wie so viele Passagen im echten Bericht des US-Senats, der 2014 an die Öffentlichkeit gelangte.

Wahre Begebenheiten

„Erweiterte Verhörmethoden“ (Enhanced Interrogation Techniques) – die nüchterne Bezeichnung für die Praktiken der CIA verharmlost eines der düstersten Kapitel in der jüngeren Geschichte der USA. In Wirklichkeit wurden die Terrorverdächtigen in geheimen Gefängnissen irgendwo außerhalb des Landes brutal und barbarisch gefoltert – und das ohne Ergebnis oder Erkenntnisgewinn. „Aber wenn es nicht funktioniert, ist es nicht legal“, gibt ein CIA-Mitarbeiter im Film zwischendurch zu bedenken. Als ob sich der Geheimdienst von derlei Feinheiten abhalten ließe.

Kinostart an diesem Donnerstag

Der Film „The Report“ startet an diesem Donnerstag bundesweit in den Kinos. In Oldenburg ist er im Cine k (Bahnhofstraße 11) zu sehen.

Der Politthriller von Scott Z. Burns löste im Januar bei seiner Premiere beim US-amerikanischen Sundance Filmfestival Begeisterungsstürme aus. Hauptdarsteller Adam Driver spielte auch den „Star Wars“-Bösewicht Kylo Ren, einen Trottel-Gangster in „Logan Lucky“ und einen Anti-Rassismus-Kämpfer in dem Film „BlacKkKlansman“.

„The Report“ ist nicht bloß eine weitere Aufarbeitung von 9/11, sondern ein Polit-Drama mit Thriller-Qualitäten, das auf wahren Begebenheiten beruht. Dass die CIA unter der Regierung von George W. Bush Terrorverdächtige in Guantanamo und anderswo gefoltert hat, ist nicht neu. Doch die Rolle eines unscheinbaren Mitarbeiters des Senats bei der Aufdeckung dieses Skandals ist weitgehend unbekannt. Auf fast 7000 Seiten hat Dan Jones aufgelistet, wie die CIA Häftlinge foltern ließ. Ihm und seiner beharrlichen Suche nach der Wahrheit wird mit diesem Film ein Denkmal gesetzt.

Adam Driver spielt diesen verbissenen Senatsangestellten extrem glaubwürdig, als einen Mann, der über sein Schlafdefizit witzelt – „schlafen hält mich nur von der Arbeit ab“ – und sich stoisch oder auch aufbrausend gegen Manipulation, Skrupellosigkeit und Verdrehung der Fakten zur Wehr setzt. Ihm gegenüber steht die Senatskomiteevorsitzende Dianne Feinstein (Annette Benning). Sie will den Report ebenso sehr wie Jones publik machen, muss aber als erfahrene Politikerin immer wieder verhandeln und taktieren.

Regisseur und Drehbuchautor Scott Z. Burns setzt die komplexen politischen Zusammenhänge nicht hektisch in Szene, sondern nimmt sich Zeit und macht ihren Ablauf mit fett eingeblendeten Jahreszahlen sichtbar. Es gibt Senatssitzungen, Ansichten vom Kapitol und immer wieder Jones im Kellerbüro, gebannt auf den Computer starrend, in dem die geheimen CIA-Dokument gespeichert sind.

Was er dort lesen muss, bleibt in den wenigen, aber schwer erträglichen Rückblicken auch dem Zuschauer nicht erspart: nackte, angekettete Häftlinge, die bei grellem Licht und ohrenbetäubender Heavy-Metal-Musik in dreckigen Zellen ausharren, Holzkisten, in denen sie lebend (zum Schein) beerdigt werden sollen, brutale Wärter und das berüchtigte Waterboarding, mit dem das Ertrinken simuliert wird. Dazu ein gnadenloser Psychologe, der zwar über keinerlei Verhör-Erfahrungen verfügt, aber überzeugt ist, dass er jeden zum Sprechen bringen kann.

Brutale Methoden

Dass diese brutalen Methoden keine verwertbaren Ergebnisse im Kampf gegen den Terror gebracht haben, macht der Bericht von Jones deutlich. Selbst das Aufspüren von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden gelang – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – mit konventionellen Ermittlungsmethoden.

Am Ende wurde eine mehr als 500 Seiten starke Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht, und Politiker distanzierten sich offiziell von Folter-Methoden. Die Abschluss-Rede von Dianne Feinstein, in der sie vom Sieg der Demokratie spricht und die Werte der amerikanischen Gesellschaft beschwört, würde als Filmschluss nach fast zweieinhalb Stunden zu pathetisch klingen, wäre da nicht der Nachspann. Niemand von den damals Verantwortlichen, heißt es dort lapidar, wurde zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Einer stieg sogar zum CIA-Direktor auf. Der komplette Bericht ist weiterhin unter Verschluss.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.