Oldenburg Diese vermaledeite Virus-Geschichte gerade hätte Horst Janssen überhaupt nicht leiden können. Er war ja einerseits ein genialer Zeichner, Radierer, Holzschneider, Plakatkünstler, Illustrator, Autor und Grafiker; solche Kunstarbeiten kann man sehr gut im heimischen Atelier erledigen. Andererseits war der 1995 verstorbene Oldenburger Welt- und Ehrenbürger, ein Menschenfänger, Umarmer und Ranschmeißer; und eben das ist in diesen Zeiten nicht statthaft.

Die neue Dauerausstellung „Janssen neu entdecken“ soll nicht nur ungesehene Einblicke in die Welt des Künstlers bieten, sondern auch Handfestes liefern. Vier Themenbereiche stellen sein Werk und seine druckgrafischen Techniken vor, und sie sollen – und das ist das Problem – Lust wecken, es ihm gleichzutun.

„Hands off“ hieß es seit nunmehr zweieinhalb Monaten, als die Corona-Pandemie die Kultur weltweit lahmlegte und die offizielle Eröffnung der Ausstellung verhinderte. Seither zerbrechen sich die Verantwortlichen den Kopf darüber, wie Kunstschauen funktionieren können, wenn außer dem Kopf auch noch andere Körperteile eingesetzt werden sollen.

„Wir wollen und müssen unsere Besucher schützen. Dafür wird jeder am Eingang mit einem Tütchen ausgestattet“, sagt Dr. Jutta Moster-Hoos, Leiterin der im Jahr 2000 eröffneten Institution am Stadtmuseum. „Darin befinden sich Einmal-Handschuhe für die Mitmachstationen im Museum und ein Kopfhörerschutz für die Video-Station auf Ebene 1.“

Dass diese Dauerausstellung erst 20 Jahre nach der Eröffnung etabliert wird, ist auch dem Wunsch vieler Besucher geschuldet, Horst Janssen habhaft zu werden. Wo und wie er gelebt hat, erfährt man anhand der reich bebilderten Biografie, der eine Abteilung der Ausstellung gewidmet ist. Zeitzeugen berichten in einer Hörstation über den Freund, den Geschäftspartner, den Ehemann und Vater, den Zeichner, den Biennale-Preisträger, aber auch über den Tod des Künstlers.

Mindestens genauso spannend ist das Lebenswerk des Druckgrafikers und Ausnahmetalents. Wie druckte er seine Holzschnitte, seine Lithografien und seine Radierungen? Alle Techniken Janssens werden in drei Kurzfilmen vorgestellt. Zudem sollen die Besucher selbst aktiv werden und ein Verständnis für den technischen Zusammenhang von Druckplatten oder -steinen mit dem Abdruck entwickeln.

Weitere Fragen drängen sich auf: Was hat ihn inspiriert, wie hat er künstlerisch gearbeitet? Einzelne Aspekte, die den zeichnerischen Stil Janssens prägen, werden anhand von Beispielen erläutert: seine künstlerischen Vorbilder oder seine Vorliebe für die Darstellung der vergänglichen Welt. Seine Sicht der Dinge kann an einem Zeichentisch erarbeitet werden.

Oder war er gar mehr Schriftsteller denn bildender Künstler? In jedem Fall war er Buchillustrator, Autor einer Vielzahl eigener Texte und aufmerksamer Leser und „Verwerter“ von Texten anderer Schriftsteller. Häufig steht bei Janssen das Wort neben dem Bild; Grund genug, auch dieser Facette Horst Janssens einen Raum zu geben.

In der einschlägigen Literatur wird Janssen auch „der Gezeichnete“ genannt. Nur schwer war der eigene Raubbau am Körper am Ende mithilfe der Kunst aufzufangen. Die Dauerausstellung vermittelt den ganzen Kerl mit allen Stärken und Schwächen. Die Neugier blieb bis zum Tod 1995 erhalten. Und auch dem Entdeckerdrang der Besucher steht nichts im Wege – wenn der Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt und das Hygienetütchen empfangen wurde.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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