Oldenburg /Berlin „Ein Spektakel für die, die ihre Augen nicht in der Tasche haben“, zitiert Ulrike Ottinger zu Beginn ihres neuen Films aus dem französischen Filmklas-siker „Kinder des Olymp“. „Meine Augen hatte ich noch nie in der Tasche stecken“, fügt sie hinzu, „aber in Paris wurden sie groß und größer.“

Ein Spektakel für die, die weder ihre Augen noch Ohren in der Tasche haben, dürfte dieser neue Film Ottingers sein. Die Regisseurin präsentiert „Paris Calligrammes“ im Oldenburger Programmkino Cine k an diesem Sonntag, 8. März – ein Datum, das passender kaum sein könnte: Den Internationalen Frauentag begleitet das Kino jedes Jahr mit passenden Filmen. Mit Ulrike Ottinger nun eine der bedeutendsten deutschen Filmemacherinnen vor Ort zu haben, ist für das Programmkino ein Jackpot-Gewinn.

„Für uns ist es eine Ehre“, sagt Wolfgang Bruch, der das Cine k mit Marion Fittje gemeinsam leitet. Offizieller Deutschlandstart des Films war am 5. März. Dass das Cine k „Paris Calligrammes“ zum ersten Mal am Weltfrauentag zeigt und dann auch noch im Beisein Ottingers, hebe die besondere Relevanz der Regisseurin hervor.

Ulrike Ottinger, 77, aufgewachsen in Konstanz am Bodensee, lebt seit 1973 in Berlin. Seitdem hat sie mehr als 20 Filme realisiert, kurze, lange und sehr lange, Spielfilme und Dokumentarfilme. Sie wurden auf den wichtigsten internationalen Festivals gezeigt und in Retrospektiven und Ausstellungen gewürdigt.

Ottingers Werke wurden vielfach ausgezeichnet, sie ist Mitglied der Akademie der Künste und der Oskar-Akademie, sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten und zuletzt die „Berlinale Kamera“ für ihre besonderen Verdienste um das Filmschaffen.

Ulrike Ottinger sei zwar sehr bekannt, sagt Wolfgang Bruch, in Oldenburg laufe sie aber noch unterm Radar. „Wir glauben, dass es wichtig ist, bedeutende Künstlerinnen zu präsentieren“, sagt er. Und genau das ist Ottinger: nicht „nur“ eine Filmemacherin. Als wäre das nicht schon genug. Als wäre Ulrike Ottinger nicht schon bei den meisten ihrer Filme Regisseurin, Drehbuchautorin, Kamerafrau und Produzentin in einem. Als hätte sie nicht all diese Preise für ihr filmisches Werk gewonnen, was umso bemerkenswerter ist, als filmschaffende Frauen es in der hart umkämpften Branche ohnehin nach wie vor schwerer haben als ihre männlichen Kollegen.

Ottinger ist seit mehr als 50 Jahren auch Malerin und Fotografin, war an internationalen Kunstausstellungen wie der Documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig beteiligt.

„Sie ist eine allumfassende Künstlerin. Das macht sie so besonders“, sagt Wolfgang Bruch. Man merke ihren Filmen an, dass Ottinger ursprünglich aus der Kunst komme. Unkonventionell, surreal, fantasievoll, magisch, kunstvoll, bizarr, experimentell, ästhetisch, avantgardistisch – die Palette der Beschreibungen von Ottingers Filmen ist breit und bunt. „Sie hat von Anfang an versucht, Genregrenzen zu überwinden, hat kein Interesse an linearem Erzählen“, sagt Bruch.

Ottinger gilt außerdem als Vorreiterin des feministischen und des queeren Films, wie etwa die Filme „Madame X – Eine absolute Herrscherin“, „Freak Orlando“ oder „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ zeigen. „In ihren Filmen gab es schon immer starke Frauenfiguren, die aus ihren traditionellen Rollen ausgebrochen sind oder die Geschlechter wechseln“, sagt Bruch, „damit war sie stilprägend und ihrer Zeit voraus.“ Bei der Berlinale 2012 erhielt Ottinger den Teddy-Award für queeres Kino für ihr Lebenswerk. Noch ein Preis.

Ottingers filmisches Werk hat einen weiteren Schwerpunkt: den ethnographischen. Auf langen Reisen – häufig nach Asien, in entlegene Regionen – betreibt sie umfassende Recherchen für mitunter sehr lange Dokumentarfilme: „Taiga“ (1992) über Nomaden in der Mongolei dauert acht Stunden, „Chamissos Schatten“ (2016) zwölf. Bei diesen Filmlängen frage man sich schon, ob das jetzt sein müsse, sagt Wolfgang Bruch. Aber, ja, es muss, es soll so. „Sie will die Zuschauer mitnehmen auf ihre Reisen“, sagt Bruch, und auch wenn Ottingers Filme nicht immer leicht zu konsumieren seien: „Man muss sich darauf einlassen. Dafür wird man dann auch belohnt.“

Nicht schwer zu konsumieren ist Ottingers jüngster Film. In „Paris Calligrammes“ erzählt sie mit feinem ethnographischen Blick über ihre Zeit als junge Künstlerin von 1962 bis 1969 in der Pariser Bohème, über ihre Bekanntschaft mit Vertretern des jüdischen Exils, mit den Intellektuellen und Künstlern jener Jahre.

„Paris Calligrammes“ ist ein filmisch-fotografisches Mosaik, eine audiovisuelle Collage über das Paris einer Zeit der politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche. Zugleich ist es eine poetische Autobiografie und eine Liebeserklärung an den Film, zu dem Ottinger in ihren Pariser Jahren gefunden hat.

Nathalie Meng Redakteurin / Online-Redaktion
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