Oldenburg „Kunst ist dafür da, Chaos in die Welt der Ordnung zu bringen“: Kein Geringerer als Florian Illies zitiert hier den großen Adorno. Mit Blick auf die Kunst der Malerin Tamina Amadyar, aber auch auf die Skulpturen Anna Fasshauers eignet sich Adornos Aphorismus nicht minder. Und wenn der Oldenburger Kunstverein nun Werke der beiden Künstlerinnen in einer Ausstellung zusammenbringt und die „It’s a Match“ nennt, ist ihm fraglos ein treffendes Tertium Comparationis geglückt.

Denn die Beziehung der Bilder und Skulpturen im Raum wird gleichermaßen Spiel wie Passung. Das Nebeneinander reibt, weicht aus, schlägt Haken und findet sich doch: im jeder Erwartbarkeit Entzogenen, im Verrücken verinnerlichter Koordinaten, in quietschbunter Farbigkeit, frechen Flächen und frappierend unordentlichen Formen. Aha, entfährt dem Besucher, der eintritt, mit lang gedehntem Schluss-A, und er kratzt sich zunächst einmal ratlos hinterm Ohr.

Anna Fasshauers Objekte erinnern entfernt an missglückte Karton- und Faltpapierbasteleien aus dem Kindergarten oder an Darmverschlingungen. Nur dass sie raumfüllende drei Meter fünfzig erreichen, aus Alublech gefügt und einfarbig mit Autolack angestrichen sind. Pate dürften ursprünglich durch Abrissarbeiten deformierte Bauteile wie Luftkanäle und Eisenprofile gestanden haben; künstlerisch veredelt hauchte der künstlerische Schaffensprozess ihnen eine verwirrend berührende Crash- und Knäuel-Ästhetik ein, die im Dualismus von fragiler Anmutung und metallener Materialität ergebnisoffen weiterwirkt.

Wo Fasshauer Material gegen Raum und Schwerkraft antreten lässt, schickt Amadyar zwei Farben gegeneinander in den Ring ihrer teils großformatigen Leinwände. Wie Fasshauer liebt auch sie Kargheit und Reduktion. Dünn aufgetragener Hasenleim, pure, unvermischte Pigmente und breite Borstenpinsel sind die Zutaten ihrer archaisch einfachen Malerei, die mit zwei, drei Flächen unterschiedlicher Farbigkeit pro Bild auskommt.

Resedagrün gegen Apricot, Orange gegen Türkis, Magenta gegen Cyan heißen die Paarungen, und wo sich die Kontrahenten umarmen beziehungsweise miteinander in den Clinch gehen, entsteht mit einem Mal unter transparenter Überlappung eine Tiefe, die man den monochromen Einzelfeldern allein niemals zugetraut hätte.

Fasshauer, geboren 1975 in Köln, und Amadyar, geboren 1989 in Kabul, haben noch nie zuvor gemeinsam ausgestellt. In Oldenburg lässt der Kunstverein ihren Versenkung fordernden Artefakten – fünf Skulpturen, zwölf Bilder – den Raum, den sie zum Atmen brauchen. Mancherorts sendet der Hautton eines Malgrundes seine stille Botschaft an den beigen Lack tentakelgleicher Alu-Rohre, und die Luft vibriert so schön wie schräg. Passt.

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