Oldenburg Wem bei dem Wort „Barockmalerei“ als Erstes Schwulst, Bombast, Pathos und nackte Körper einfallen, der kennt vermutlich nur das Klischee und nicht die Pracht. Wie prunkvoll und opulent diese Gemälde tatsächlich sind, wie sehr sie sich auch neben einem zeitgenössischen Maler behaupten können, zeigt die neue Ausstellung des Oldenburger Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, die dafür das Augusteum in eine noble Gemäldegalerie mit goldenen Lettern und dunklen Wänden verwandelt hat, vor denen jedes einzeln ausgeleuchtete Kunstwerk erstrahlt.

Informationen

Die Ausstellung „Götter & Helden – Mythologische Malerei im Barock und heute, feat. Michael Ramsauer“ wird an diesem Freitag, 8. November, um 18.30 Uhr im Oldenburger Schloss eröffnet. Sie ist bis zum 2. Februar 2020 im Augusteum zu besichtigen.

Begleitet wird die Schau von einem umfangreichen Begleitprogramm.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10–18 Uhr

Unter der Überschrift „Götter & Helden“ präsentiert Kuratorin Dr. Anna Heinze mythologische Malerei nicht nur im Barock, sondern auch in der Gegenwart. Denn als spannende Ergänzung hat der bekannte Oldenburger Maler Michael Ramsauer, der sich in seinem Werk immer wieder mit mythologischen Themen auseinandersetzt, eine Vielzahl von Gemälden beigesteuert, die sich perfekt einfügen und beweisen, dass die antiken Mythen von Liebe und Leid, Verrat und Macht nichts an Aktualität verloren haben. Und visuell funktioniert das ausgezeichnet.

Aus Rubens-Werkstatt

Für die Schau rückt erstmals der eigene Bestand des Landesmuseums an barocken Gemälden ins Zentrum einer Ausstellung, ergänzt um wertvolle Leihgaben aus anderen Museen. Unter den insgesamt rund 30 Alten Meistern, die nach sieben Themenschwerpunkten aufgegliedert wurden, ragt eines besonders heraus, denn es ist für Oldenburg eine kleine Sensation. 100 Jahre nach Abdankung des Großherzogs und dem Verkauf der Meisterwerke aus seiner Gemäldegalerie kehrt es zumindest als Leihgabe zurück: das imposante Großformat „Der gefesselte Prometheus“ (1613/14) aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens. Es zeigt die qualvolle, blutige Bestrafung des Titanen – ein Adler hackt ihm immer aufs Neue die über Nacht nachwachsende Leber aus dem nackten Leib –, nachdem er gegen den Willen der Götter den Menschen das Feuer gebracht hatte.

Im Jahr 1919 hatte der zur Abdankung gezwungene Großherzog Friedrich August damit begonnen, die wertvollsten Meisterwerke seiner Sammlung außer Landes zu schaffen. Der landesweite Protest gegen die Abwanderung der Bilder führte seinerzeit dazu, dass das erste Kulturgutschutzgesetz erlassen wurde. Der „Prometheus“, den der Hamburger Museumsdirektor Gustav Pauli damals zu den zehn wertvollsten Gemälden der Oldenburger Sammlung zählte, befindet sich nach einer wechselvollen Geschichte heute in Privatbesitz und muss dringend restauriert werden.

Im Augusteum hängt ihm die zeitgenössische Umsetzung des bekannten mythologischen Bildsujets von Michael Ramsauer gegenüber: ein flammender, pastoser Farbenrausch, in dem ein stehend angeketteter Prometheus und an seiner Seite ein riesengroßer Adler mit ausgebreiteten Schwingen erkennbar sind.

Dramatik ist ein besonderes Charakteristikum der mythologischen Malerei im Barock. Da reißt Paris bei Antonio Zanchi (1700–1710) die barbusige Helena aus den Armen ihres Mannes. Giovan Giacomo Sementi (1625– 1630) setzt eine zarte, einsame Kleopatra in Szene, die sich die Giftschlange zum tödlichen Biss an den Busen drückt. Und in der Darstellung von Ottmar Elliger d. J. (um 1700) wird die Tote von einer Vielzahl von Figuren beweint. Ein Raum weiter flieht die Nymphe Syrinx vor dem lüsternen, bocksfüßigen Pan (Jan Brueghel d. J./Peter Paul Rubens/1. Hälfte 17. Jahrhundert). Gleich daneben findet sich Ramsauers bildnerische Interpretation, die nicht weniger furios-dramatisch ist.

Reiche Klientel

Nicht für jeden Betrachter ist die antike Sagenwelt heute noch ausreichend präsent, um den Inhalt jedes Gemäldes auf Anhieb entschlüsseln zu können. Aber die Ausstellungsmacher haben vorgesorgt: Neben jedem Exponat hängt eine entsprechende Erläuterung. Und mitunter erklärt sich das Motiv auch von selbst. Ein Gemälde von Alessandro Varotari etwa zeigt Venus und Mars beim Schachspiel (um 1631). Es war bisher selten zu sehen, denn es befand sich im Deport und hat nun gute Chancen, dauerhaft ausgestellt zu werden.

Gemalt wurden die Bilder einst für eine reiche, gebildete Klientel, die ihre Villen und Schlösser mit ihnen ausstattete – zur Dekoration, aus repräsentativen Gründen und zur Belehrung. Nicht selten wurden die kostbaren Gemälde hinter Vorhängen verborgen, die für geladene Betrachter aufgezogen wurden.

Auf eine besondere Einladung müssen Museumsbesucher heute nicht warten: Im Augusteum sind die Prachtstücke – ebenso prominent wie eindrucksvoll präsentiert – für jeden zu besichtigen. Also nichts wie hin!

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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