Oldenburg Vier Thesen bleiben im Gedächtnis: Blut ist dicker als Wasser. Ein gutes Netzwerk kann friedenstiftend sein. Gesichtserkennung ist ein alter Hut. Und das alles hat etwas mit dem Oldenburger Hof zu tun.

Die Ausstellung „Die vier Unvergesslichen“, die an diesem Samstag, am Tag der Deutschen Einheit, im Prinzenpalais des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte eröffnet wird, zeigt in einzigartiger Weise die Verflechtung des russischen Zaren Paul I. und dessen Gemahlin Maria Fjodorowna mit Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg und Herzogin Friederike im Spiegel der Geschichte.

Große räumliche Distanz

Gleichzeitig wird Einblick gegeben in eine tiefe Freundschaft zweier Adelshäuser im Europa des 18. Jahrhunderts über rund 2000 Kilometer Landweg hinweg. Neben Briefeschreiben und Reisen galt als Zeitvertreib die Physio-gnomik, bei der von äußeren Merkmalen – vor allem des Gesichts – auf Charaktereigenschaften geschlossen wurde.

Dass diese eingeschränkte Sicht auf den Menschen viel später schamlos umgedeutet und missbraucht wurde, bis hin zu pseudowissenschaftlicher Unterfütterung eines Eugenikprogramms und einer Rassenhygiene im Nationalsozialismus, war nicht zu erahnen. Genauso wenig wie die biometrische Lesbarkeit und die algorithmische Verwertung der persönlichen Daten.

1782 kam es also zum familiären Zusammentreffen bei Johann Caspar Lavater. Der reformierte Pfarrer aus der Schweiz, der mit Goethe und Füssli bekannt war und sogar in Bremen predigte, empfing in Zürich die „Vier Unvergesslichen“, wie er das hochwohlgeborene Quartett nannte, um ihre Gesichter zu deuten und daraus charakterliche Eigenschaften zu Studienzwecken und zur öffentlichen Verbreitung abzuleiten.

Engen Kontakt hielt Lavater zum Oldenburger Hofmaler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der seinerseits Charakterstudien anfertigte, die ebenso wie Lavaters Vorbilder an den europäischen Höfen ihrer Zeit diskutiert wurden.

Regelmäßiger Austausch

Im Prinzenpalais werden Werke Lavaters und Tischbeins ausgestellt, die zwischen den Höfen zirkulierten, aber auch viele historische Porträts, die die Verbundenheit vor Augen führen.

Die von Dr. Anna Heinze kuratierte Ausstellung zeigt lokale Bezugsräume von europäischer Dimension. Der Zar von Russland und der Herzog von Oldenburg waren einander eng verbunden. Man hielt auch über die enorme Distanz hinweg engen Kontakt. Regelmäßige Besuche und Tausende Briefe waren vielfältiger Natur: mal ging es um Politik oder um Physiognomie, ein anderes Mal um Botanik.

Die enge Verbindung zwischen dem russischen Zarenhaus und dem Oldenburger Hof manifestiert sich auch im herrschaftlichen Gebäudeensemble, in dem sich heute das Landesmuseum befindet.

Enkel nach Oldenburg

Das Prinzenpalais, in dem die Sonderausstellung gezeigt wird, wurde zwischen 1821 und 1826 für die Enkel Peter Friedrich Ludwigs, die russischen Prinzen Peter und Alexander, errichtet. Ihre Mutter Katharina Pawlowna hatte vor ihrem Tod verfügt, dass die Jungen zu ihrem Großvater nach Oldenburg ziehen sollten.

Dieser prunkvolle Originalschauplatz bildet einen der Höhepunkte der Ausstellung. Zudem sind Leihgaben der herzoglich-oldenburgischen Familie, aus dem Schlossmuseum Jever und aus Privatbesitz zu sehen, zum Teil erstmals öffentlich ausgestellt.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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