Oldenburg Über ein grassierendes Virus um 1830 ist nichts bekannt. Trotzdem riet Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy dringend zum Händewaschen. Als Träger eines Erregers hatte er die generelle Orchester-Instrumentierung des französischen Zeitgenossen Hector Berlioz ausgemacht. „Die ist entsetzlich schmutzig und durcheinander geschmiert“, notiert er. Man müsse sich dringend die Hände waschen, sei man mit einer Berliozschen Partitur in Berührung gekommen.

Doch Quarantäne ist weder gegen Staatsorchester noch die Zuhörer nach ihrer Berlioz-Bekanntschaft im 5. Sinfoniekonzert im Großen Haus zu verhängen. Alle können überall die Kunde von einer „Symphonie fantastique“ op. 14 verbreiten, die einen Höhepunkt dieser Spielzeit bildet.

Unter Hendrik Vestmanns Leitung zeigt sich das Orchester in Hochform in diesem fiktiven romantischen Schauerroman, mit dem der Komponist die Schauspielerin Henriette Smithson erobern wollte. Aus unglücklicher Liebe hat der sensible Künstler Opium genommen und träumt sich zum Tod der Angebeteten und zur eigenen Hinrichtung mit folgendem Hexensabbat.

Oldenburgs Generalmusikdirektor steigt sehr direkt in die Geschichte ein. Er vermag es, durch Dehnungen und Vorwärtstreiben die Spannung zum Zerreißen aufzubauschen. Die darf in den ersten beiden Sätzen, musikalisch nach vollziehbar, sogar zu Lasten der Eleganz gehen. Brillanz und Schärfe gehen Hand in Hand. Die Stimmung wirkt hoch expressiv, aber sie wird nicht mit überhitztem Pathos belastet. Wo Flammen lodern, verfinstert kein dicker Rauch die Szene.

Der dritte Satz, die fast herzzerreißende Szene auf dem Lande, stellt der verfeinerten Spielkultur ein erstklassiges Zeugnis aus, wobei Vestmann jede impressionistische Aufweichung vermeidet. Und wie die plastischen Figuren der Finalsätze herausgemeißelt werden, zeigt das Staatsorchester „at its best.“ Es glänzen in dekorativen bis karikierenden Passagen die Bläsersolisten: Stephania Lixfeld/Flöte, Jan Bergström/Englischhorn, Yumiko Kajikawa/Oboe, Antonia Lorenz-Birk/Klarinette und Nuno Azevedo/Fagott.

Aus dem Orchester kommt auch der glänzende Solist im ersten Hornkonzert Es-Dur op. 11 von Richard Strauss. Joaquim Palet bläst das Bravourstück mit abgerundetem Timbre, dabei beweglich virtuos. Was sein Spiel angenehm und anregend macht, ist eine erwärmende Souveränität, die auf herrische Ausbrüche verzichtet. Schon einleitend fasst das Orchester in der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 genau alle die Vorzüge jener Spielkultur zusammen, die dieses Konzert so intensiv prägen.

Der Vollständigkeit halber: Mendelssohn pflegte eine lange Freundschaft zu Berlioz. Und Berlioz hat seine Henriette geheiratet. Die Ehe ging nicht gut. Na ja, bei derart extrovertierten Typen…

Das Konzert wird an diesem Montag um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters wiederholt.

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