Berlin Wer heutzutage im Fernsehmanagement wichtig ist, muss diesen Satz verinnerlicht haben: „Die Sehgewohnheiten haben sich geändert.“ Das bedeutet auf TV-Serien umgesetzt: Liebhaber solcher Produktionen gucken sie gerne am Stück, viele Folgen hintereinander, unterbrechen höchstens mal zum Getränkenachkippen. Wer böse ist, spricht vom Komaglotzen, Fachleute nennen es lieber auf Englisch „Binge Watching“. Streaming-Plattformen wie Netflix haben diesen Hang zum Dauerkonsum, der mit den DVD-Boxen begann, zusätzlich gefördert.

Daher tragen auch die Programmmacher klassischer Anbieter dem neuen Verbraucherverhalten nun Rechnung, allen voran in diesem Fall die alt eingesessenen ARD und ZDF. Das Zweite sendete zum Beispiel am vergangenen Wochenende die Miniserie „Blochin“ in kompakter Form an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Die Quoten waren allerdings sehr überschaubar: Guckten zum Auftakt am Freitag noch vier Millionen Menschen zu, waren es am Samstag und Sinntag noch etwas über drei Millionen. Nicht eingerechnet sind jedoch die Nutzer der Mediathek.

Es folgt nun als zweites das Erste mit der dritten Staffel der historischen Serie „Weissensee“, deren sechs Teile an drei Tagen hintereinander von diesem Dienstag (20.15 Uhr) an im TV zu sehen sind - online in der Mediathek sogar noch früher. Regisseur Friedemann Fromm sieht die Programmierung nicht unkritisch: „Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der einfach so drei Abende hintereinander für eine TV-Sendung freiräumt“, sagte Fromm dem „Spiegel“. „Ehrlich gesagt habe ich Bammel vor diesen drei Abenden“,

Der Termin ist von der ARD bewusst gewählt worden, denn am 3. Oktober steht der 25. Jahrestag der Deutschen Einheit an. Darum geht es auch im dritten Durchgang der Serie, in deren Mittelpunkt wieder die Ostberliner Familie Kupfer steht. Im November 1989 sitzen alle gebannt vorm Fernseher, als Politbüromitglied Günter Schabowski auf die Frage eines Journalisten, wann die neuen Reiseregelungen in Kraft treten, seinen berühmten Holpersatz spricht: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.“

Die Mauer ist auf, und Martin Kupfer (Florian Lukas) nutzt die Chance, nach seiner verloren geglaubten Tochter im Westen der Stadt zu suchen. Die westdeutsche Journalistin Katja Wiese (Lisa Wagner) hilft ihm dabei - nebenbei verliebt sich Martin in sie. Stasi-Offizier Falk Kupfer (Jörg Hartmann) sieht seine Welt zusammenbrechen und plädiert in der Machtzentrale für Gewalt gegen Demonstranten. Doch er muss an die Zukunft denken und bemüht sich, sämtliche Sputen zu verwischen und greift zu radikalen Methoden.

Die Dissidentenszene begehrt auf - allen voran Dunja Hausmann (Katrin Sass), die in ihrem Engagement für die Bürgerrechtsgruppe aufgeht. Doch bevor ihr Stern ganz aufgeht, erlischt er wieder: In einer westdeutschen Zeitung wird sie als inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi geoutet. Ihre Freundin Vera (Anna Loos) trifft es wie der Schlag, als ihr Freund und Partner, der Pastor Robert Wolff, spurlos verschwindet. Man findet ihn tot - offensichtlich ein Suizid. Doch auch in diesem Fall spielt Fiesling Falk die Schlüsselrolle.

Ein starkes Stück Fernsehen hat die ARD mit der dritten Staffel des Dramas „Weissensee“ nach Drehbüchern von Annette Hess und Regisseur Fromm abgeliefert. Denn die Serie funktioniert auf allen Ebenen: Sie taugt als gesellschaftspolitisches Lehrstück über die dramatischen Zeitläufe im Herbst 1989, sie taugt ebenso als intensive Familienstory voller Gefühle, aber ohne Kitsch, zerrissen, mit nicht lösbaren Widersprüchen, Unsicherheit und Liebe, und sie taugt daneben fast genauso gut als dichtes Kriminalspiel, denn die Machenschaften der Täter, die ihre Tentakeln bis in die Bürgerrechtsbewegung hinein gelegt haben, werden erst nach dem Mauerfall offensichtlicher.

Bietet „Weissensee“ Stoff für mehr? Jana Brandt, Fernsehspielchefin des Mitteldeutschen Rundfunks und auch für die ARD-Gemeinschaftsredaktion Serien im Hauptabendprogramm zuständig, sagte auf Anfrage, es liege noch keine Entscheidung vor. „Wenn es nach mir geht, wird es auf jeden Fall eine vierte Staffel geben“, erklärte Produzentin Regina Ziegler der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist mir Herzenswunsch - zumal es ja noch wahnsinnig viel zu erzählen gibt. Zum Beispiel von den Goldenen 90ern, in denen sich in Berlin unglaublich viel entwickelt hat.“

Die Geschichte der für die Staatssicherheit arbeitenden Familie Kupfer sei mit dem Fall der Mauer nicht zu Ende erzählt. Das „Zusammenfinden der Deutschen in den 90er Jahren und die damit verbundenen Friktionen kann am Beispiel dieser Familie das Leben in beiden deutschen Staaten und damit das Bild des wiedervereinigten Landes auf eindrucksvolle Weise spiegeln“, sagte Ziegler. Roland Jahn, Stasi-Unterlagen-Beauftragter, zeigte sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur als Fan der Serie. „Dort wird gezeigt, dass die Stasi nicht nur ein Apparat ist, sondern auch Menschen. Die Serie fesselt, weil sie zutiefst menschlich ist.“

Laut Ziegler ist nun außerdem eine zwölfteilige Fernsehserie über die Geschichte der Treuhand in Arbeit. Der Stoff basiert auf dem Buch „Der Deutsche Goldrausch - die wahre Geschichte der Treuhand“ von Dirk Laabs. Im Anschluss an die ersten beiden „Weissensee“-Folgen am Dienstag zeigt die ARD das Special „Soundtrack Deutschland“ über die musikalische Wiedervereinigung mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl.

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