Oldenburg Spätzchen lehnt dankend ab. Spätzchen geht. Ohne die Kinder. Von ihrem Mann „an die Hand genommen zu werden“, ist für sie keine Option mehr. Das sah Henrik Ibsen 1879 bei der Veröffentlichung von „Nora (Et Dukkehiem)“ ganz genauso, löste einen Eklat aus und musste erleben, wie für die Uraufführung in Kopenhagen eigens ein neuer, versöhnlicher Schluss geschrieben wurde.

Drehbare Wand

Das klingt rund 135 Jahre später einigermaßen absurd. Im vorigen Jahr wurden in Deutschland fast 170 000 Ehen geschieden, das Leben als Single mit und ohne Kinder ist eine durchaus übliche Lebensform. Ist „Nora“ also zu antiquiert, um noch inszeniert zu werden? Warum ist es dann bis heute eines der beliebtesten Stücke auf deutschen Bühnen? Und warum hat auch die aktuelle Produktion am Oldenburgischen Staatstheater keineswegs gelangweilt?

Der Trick ist, die Prämisse von der voremanzipatorischen Gesellschaft möglichst zu ignorieren, alles Historisierende zu vermeiden und stattdessen etwas Zeitloses vor einer überdimensionalen, drehbaren Wand in den Mittelpunkt zu rücken: die Lüge. Wie viele Geheimnisse verträgt eine Ehe, bevor sie zerbricht?

Regisseur Peter Hailer macht aus „Nora“ einen 100 Minuten langen Psycho-Krimi, für dessen Spannung fünf hervorragende Darsteller sorgen und der bei der Premiere im Kleinen Haus mit heftigem Beifall quittiert wurde.

Die Lüge, um die es geht, ist eine Lüge aus Liebe, die zwangsläufig weitere Lügen nach sich zieht. Das Ehepaar Nora und Torvald Helmer feiert Weihnachten, die Beförderung zum Bankdirektor ist durch, ein Leben wie aus der Marmeladen-Werbung. Und genauso verlogen. Denn als Torvalds Leben am seidenen Faden hing, hat seine Frau ihm eine lange Erholungsreise in den Süden ermöglicht – indem sie die Unterschrift ihres sterbenden Vaters fälschte und sich damit heimlich ein Darlehen verschaffte, das Nora immer noch abstottert. Die Heimlichtuerei rächt sich nun, denn ihr Geldgeber, Lars Krogstadt, erpresst sie, um seinen Job in Torvalds Bank zurückzubekommen.

Äußerlich ganz modern wirken Nora und Torvald in dieser Inszenierung und dennoch puppenhaft, ein Paar wie Ken und Barbie. Den Lebensunterhalt verdient der männliche Part, der auch festlegt, wann und wie das Geld auszugeben ist. Jens Ochlast, immer etwas exaltiert und aufgedreht, wedelt mit den Scheinen vor Nientje Schwabe herum, die das blonde Dummchen ja tatsächlich nur spielt, während sich die Schlinge ihrer Lügen immer enger um den Hals legt.

Am Ende allein zu Haus

Klaas Schramm in der Rolle des Erpressers ist eher ein bemitleidenswerter Typ, der selbst mit dem Rücken zur Wand steht. Auf andere Weise gilt das auch für den Freund des Hauses, Dr. Niels Rank (mit würdevoller Tragik: Matthias Kleinert), der nur noch vier Wochen zu leben hat. Oder für Noras Freundin Christine (wunderbar verhuscht und verdruckst: Franziska Werner), die als mittellose Witwe vor dem Nichts steht. Daneben wandelt sich Nientje Schwabe in der Titelrolle überzeugend von der niedlichen Puppe über die gehetzte Lügnerin zur nüchternen Erwachsenen, die keine Konsequenzen mehr scheut.

Am Ende ist Torvald allein zu Haus. Vom ohnehin spartanischen Puppenheim bleibt nur eine Spieluhr. Und die klingt gar nicht mal so unmodern.


Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.