New York Egal, ob bei den Golden Globes oder dem TV-Preis Emmys: Wer in diesen Wochen eine Preisverleihung aus Hollywood schaut, der spürt, wie eine ganze Branche mit vielen Missbrauchsvorwürfen hadert und versucht, der „#metoo“-Debatte über Gewalt und Belästigung gerecht zu werden.

Welch ein Kontrast war die Verleihung des weltweit bedeutendsten Musikpreises Grammy am Sonntag in New York: Ganze zwei Stunden dauerte es da, bis sich die versammelte Musikprominenz zum ersten deutlichen Ansprechen der Problematik durchrang. Und auch sonst diente der Abend in viel zu vielen Momenten der Selbstbeweihräucherung einer offenbar seltsam zufriedenen Branche.

Den wichtigen Akzent setzte Sängerin und Schauspielerin Janelle Monaé in der Ankündigung der vielleicht beeindruckendsten Performance des Abends. „Es passiert nicht nur in Hollywood“, sagte Monaé. „Die Zeit ist um für ungerechte Bezahlung, für Belästigung und den Missbrauch von Macht.“ Dann begann „Praying“, ein Lied, in dem Sängerin Kesha frühere Selbstmordgedanken verarbeitet und das nicht wenige für eine Abrechnung mit ihrem einstigen Produzenten Dr. Luke halten. Begleitet wurde der emotionale Auftritt von einer weiß gekleideten Frauen-Allstar-Band.

Aber: Monaés Rede reichte nicht an die kämpferischen Worte von Oprah Winfrey bei den Golden Globes heran. Stattdessen geriet ihr Statement eine Spur zu pflichtschuldig, eher dramaturgisch von Produzentenhand gesetzt. Und auch davor und danach gab es nur wenige Spitzen gegen Donald Trump oder die auch in der Musikbranche aufgetauchten Missbrauchsvorwürfe. Nur wenige Künstler trugen die weißen Rosen am Revers, die vor der Show als Mahnung für die Missbrauchsdebatte angekündigt worden waren.

„Time’s Up!“, nuschelte Lady Gaga in den Übergang zwischen zwei Liedern. Shootingstar Camila Cabello durfte zudem kurz die „Dreamer“ ansprechen, Hunderttausende Kinder illegaler Immigranten, die aktuell zum politischen Spielball in Washington werden, weil ihnen die Abschiebung droht. Doch nicht nur in der Inszenierung der Live-Show wurde Mut durch Selbstbeweihräucherung ersetzt. Auch bei der Vergabe der Preise drückten sich die Abstimmenden um deutliche Statements. Popsternchen Alessia Cara gewann als beste neue Künstlerin gegen sperrigere Kandidaten wie die R&B-Sängerin SZA und Rapper Lil Uzi Vert, und der unverfängliche Bruno Mars wurde mit sechs Auszeichnungen für seinen fröhlichen Funkpop zum großen Sieger des Jahres.

Er durfte dabei auch die goldenen Grammophone in den drei Hauptkategorien mit nach Hause nehmen. Unangenehm, wie Mars die Selbstbeweihräucherung beim Entgegennehmen des Preises für die Aufnahme des Jahres krönte und die Produzenten aufforderte: „Spielt mein Lied noch mal, zu viele Balladen heute“.

Eine der Auszeichnungen ging übrigens auch nach Deutschland: Die Elektro-Veteranen Kraftwerk erhielten in der eher unbekannten Sparte Dance-/Electronic-Album einen Grammy für „3-D The Catalogue“.

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