New York Alles begann an einem kalten Dezembermorgen 2013 in der U-Bahnlinie Q, kurz nachdem Uli Beutter Cohen nach New York gezogen war. „Eine der Sachen, die mir sofort aufgefallen sind: Wie viele Menschen hier in der U-Bahn Bücher lesen. Das schien mir eine sehr New York-typische Sache zu sein. Es fiel mir auch auf, dass Menschen beim Lesen in der Öffentlichkeit ihre Emotionen zeigen. Da habe ich gedacht: Diese Menschen sollte ich interviewen.“

In der U-Bahnlinie Q spricht die im baden-württembergischen Reicheneck bei Reutlingen geborene Beutter Cohen eine Tänzerin an, die „Catching Fire“ liest, den zweiten Teil der „Tribute von Panem“-Reihe. Interview und Foto werden zum ersten Beitrag auf ihrem Instagram-Profil „@subwaybook­review“.

Rund sechs Jahre später hat „Subway Book Review“ auf verschiedenen Social-Media-Kanälen mehr als 235 000 Fans, darunter Stars wie Emma Roberts. Das Projekt sei „eine der wenigen richtig guten Dinge im Internet“, schrieb das „Esquire“-Magazin. Es habe „die Art und Weise, wie wir Bücher sehen, verändert“, lobte „Forbes“.

Beutter Cohen schmiss zum fünften Jubiläum eine große Party in der U-Bahnlinie G – ihrer persönlichen Lieblingslinie – und hat noch größere Pläne: 2020 weitet sie das Projekt auf insgesamt 20 Städte aus, zehn in den USA und zehn weltweit. Auch Berlin ist darunter. „Berlin hat sich zu so einer vielfältigen Gesellschaft mit einer reichen Kultur entwickelt, und das zeigt sich, wenn man hier U-Bahn fährt“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Aufgewachsen „auf dem Land, zwischen Wiesen, Schafen und Äckern“ bei Reutlingen, zog es die heute 38 Jahre alte Beutter Cohen schon früh in die USA. Nach dem Abitur packt sie zwei Koffer und zieht nach Portland im US-Bundesstaat Oregon. Sie studiert Digitale Medienproduktion, gewinnt einen Filmpreis, gründet damit ihre erste Medienfirma, lernt ihren zukünftigen Mann kennen, zieht mit ihm in dessen Heimatstaat New York und gründet „Subway Book Review“.

Wenn Beutter Cohen U-Bahn fährt, hält sie Ausschau nach potenziellen Kandidaten. Acht von zehn Menschen, die sie anspricht, machen mit, schätzt sie. „Und wenn jemand nein sagt, lasse ich ihn in Ruhe, das ist wichtig, gerade in einer Stadt wie New York, wo wir alle so dicht zusammenleben.“

Bei „Subway Book Review“ geht es um Bücher – aber in den langen Texten zu den Bildern auf Instagram geht es vor allem um die Leser: Die Frau, die ein Buch der Komikerin Tina Fey liest, weil sie sich für Feminismus interessiert, oder der Mann, den ein Buch des Autors Malcom Gladwell dazu gebracht hat, Maler werden zu wollen.

Lesende Menschen müssten eine deutlichere Stimme bekommen, deswegen mache sie das alles, sagt Beutter Cohen. „Leser sind neugierig, offen, kritisch und fantasievoll. Das sind die Menschen, mit denen wir reden sollten und von denen wir hören sollten. Ich will die Macht verschieben zu den Lesern im Untergrund, sie sind für mich die eigentlichen Geschichtenerzähler unserer Zeit.“

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