Von Liane Ehlers

Frage: Herr Carreras, seit mehr als 30 Jahren stehen Sie auf der Bühne. Wie sind Sie überhaupt zur Musik gekommen?

Carreras: Ich war ein kleiner Junge, erst sechs Jahre alt. Damals nahmen mich meine Eltern mit ins Kino, um den Film „Der große Caruso“ zu sehen. Mario Lanza – der amerikanische Tenor – spielte darin die Hauptrolle. Der Mann hatte nicht nur eine wunderbare Stimme, er hatte auch Charisma und beeindruckte mich ungemein. An diesem Tag erwachte meine Liebe zur Musik. Meine Eltern erkannten mein Talent und schickten mich mit sieben Jahren aufs Konservatorium in Barcelona, meiner Heimatstadt.

Frage: Ihr Repertoire umfasst mehr als 60 Opern. Gibt es eine Rolle, die Sie noch nicht gesungen haben und gerne singen würden?

Carreras: Natürlich (lacht) . . . Da gibt es immer einige Rollen, die man noch nicht gesungen hat und die man gerne singen würde. Vielleicht, weil sie einem nicht zu 100 Prozent liegen, vielleicht auch aus anderen Gründen. Eine Rolle, von der jeder Tenor träumt, ist Verdis Othello. Ich habe ihn nie gesungen, das ist schade. Aber ich habe nicht exakt den Typ Stimme, der für die Rolle des Othello erforderlich ist.

Frage: Ihre Auftritte mit Placido Domingo und Luciano Pavarotti haben auch Menschen in Konzerten zusammenführt, die sonst nicht dort hingehen, zum Beispiel bei der Fußball-WM 1990 in Rom. War das ein Versuch, mehr Interesse für Klassik zu wecken?

Carreras: Ich denke, genau das ist der größte Erfolg dieser Konzerte der drei Tenöre. Wir hatten die Chance, auf diese Weise Menschen zu erreichen, die sonst nie in Opernhäuser oder Konzerthallen gehen, denen ein Open-Air-Event aber Spaß macht. Allerdings will ich damit nicht behaupten, dass wir darin Pioniere sind. Schon Toscanini hat in den 30er- und 40er-Jahren solche Konzerte gegeben. Und auch Enrico Caruso hat in Amerika vor Tausenden in Open-Air-Konzerten gesungen.

Frage: Wird es noch einmal einen gemeinsamen Auftritt geben?

Carreras: Ich wäre glücklich, noch mal mit den beiden zu singen. Wir haben dabei fantastische berufliche und auch persönliche Erfahrungen gemacht, als wir uns zusammen die Bühne geteilt haben.

Frage: Sie sind auch Präsident internationaler Gesangswettbewerbe. Was würden Sie einem jungen Sänger, der heute am Beginn seiner Karriere steht, raten?

Carreras: Ich wünschte, ich wüsste es (lacht) . . Vorausgesetzt, eine junge Sängerin oder ein junger Sänger hat eine sichere Stimme und großes Talent, ist Selbstdisziplin das Wichtigste überhaupt.

Frage: Das Marketing wird auch in der Klassik immer wichtiger. Anna Netrebko z. B. vermarktet neben ihrem Können auch ihre Schönheit. Wie stehen Sie dazu?

Carreras: Das ist total in Ordnung. Daran ist nichts falsch. Sie ist eine große Künstlerin und eine sehr hübsche junge Frau. Es ist nur legitim, dass die Marketingabteilung ihrer Plattenfirma diese Vorzüge ins rechte Licht setzt.

Frage: Große Sänger und Instrumentalisten haben gelegentlich auch zum Taktstock gegriffen. Haben Sie selbst einmal daran gedacht, ein Orchester zu leiten?

Carreras: Ich würde es gern mal tun, und ich denke, ich hätte auch das Talent dafür. Aber ich bin zurzeit musikalisch nicht ausreichend dafür ausgebildet.

Frage: Sie nennen das Programm Ihrer neuen Tournee „Belle Epoque“. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie das Programm zusammengestellt?

Carreras: Als Erstes natürlich das Zeitalter, das wir als Belle Epoque bezeichnen, also die Zeit von den späten 1880ern bis in die frühen 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Komponisten wie Puccini, Satie, Ravel oder Leoncavallo spielen da eine große Rolle.

Frage: Neben Ihrer Arbeit als Künstler widmen Sie sich seit zehn Jahren mit Ihrer Stiftung intensiv dem Kampf gegen Leukämie. Was empfinden Sie, wenn Sie auf diese Arbeit zurückblicken?

Carreras: Ich finde, wir haben eine gewaltige Arbeit verbunden mit viel Enthusiasmus geleistet. Ohne die unglaubliche Großzügigkeit der Deutschen wäre das Projekt aber nicht so erfolgreich gewesen. Vor kurzem war ich in Leipzig. Dort haben wir bereits zum elften Mal eine Spendengala durchgeführt und Spenden im Wert von sechs Millionen Euro erhalten. Diese Spenden helfen uns ungemein bei unseren Projekten, Krebspatienten zu einer besseren Lebensqualität zu verhelfen oder gar von ihrer Krankheit zu heilen.

Frage: Empfingen Sie Stolz?

Carreras: Stolz ist das falsche Wort. Ich bin glücklich, in diese Initiative eingebunden zu sein. Ich hatte das Glück, selber komplett geheilt zu werden und empfand einen Drang, etwas zurückgeben zu müssen. Also habe ich die Stiftung gegründet.

Frage: Gibt es für Sie magische Momente, und wenn ja, wie sehen die aus?

Carreras: Magische Momente gibt es viele und jeden Tag. Das kann eine Unterhaltung mit einem guten Freund sein, das Lesen eines guten Buches oder ein Spaziergang am richtigen Ort. Und natürlich Musik oder ein spannendes Fußballspiel. Ich bin ein großer Fußballfan. Das Leben ist voller magischer Momente.

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