Oldenburg Lesungstourneen? Nein, die tut sich Rolf Hochhuth nicht mehr an.

Der Autor und Dramatiker (84) kann sich seine Auftritte längst aussuchen; ein interessanter Ort und ein Bahnhof, in dem man problemlos den Zug verlassen kann, das ist wichtig. Am Donnerstag fiel Hochhuths Wahl auf Oldenburg, „aber auch weil die Einladung besonders freundlich war“, betonte er. Doch da war mehr.

Zögling von Jaspers

Hochhuth folgte dem Ruf der Oldenburger Karl-Jaspers-Gesellschaft ins Jaspers-Haus, wo er im randvoll besetzten Saal mit der Jaspers-Bibliothek aus Briefen, Anekdoten und Erinnerungen las. „An diesem Ort sein zu dürfen, das berührt mich schon sehr“, meinte er und überließ die Begründung dafür dem Gesellschafts-Vorsitzenden Matthias Bormuth: „Wie Hannah Arendt schon sagte: Hochhuth ist ein Zögling Jaspers, fast ein Enkel.“

In der Tat ist die Beziehung zwischen dem Dramatiker und dem in Oldenburg geborenen Psychiater und Philosophen eine sehr enge, wie Hochhuth umgehend bestätigte. Die beiden trafen sich 1963 in Basel, gerade als Hochhuth mit seinem Debütdrama „Der Stellvertreter“ Aufsehen und Ruhm erlangt hatte. Das Stück befasst sich mit der Haltung von Papst Pius XII. zum Holocaust. Jaspers, den Hochhuth als „Reinkarnation“ des griechischen Dichters und Philosophen Solon beschrieb, war sehr angetan von dem jungen Autor, förderte ihn – und stand ihm bei, als die Kritik bürgerlicher und klerikaler Kreise an dem provokanten Werk Hochhuth zu vernichten drohte. Die Freundschaft der beiden hielt allem stand.

Die Tumulte, die der Autor einst mit dem „Stellvertreter“ und später noch mit anderen Arbeiten hervorgerufen hatte, mögen heute vergessen sein – doch der kritische Moralist Hochhuth ist auch 84-jährig polarisierend, attackierend und polemisch.

Das zeigten seine Ausführungen zum Seehofer-Besuch bei Putin („Die Ukraine-Krise ist eine innerrussische Angelegenheit, die uns nichts angeht. Aber wir beugen uns der Washingtoner Bevormundungsbehörde“) oder zur Flüchtlingsproblematik („Als CDU mit dem ,Christlich‘ im Namen kann man niemanden wegschicken“) und erregten wie erwartet Widerspruch unter den Zuhörern. Freundlich, souverän und ausschweifend zugleich ließ sich Hochhuth auf jeden Disput ein.

Eine Diskussion, die bei anderen Themen seiner Lesung nicht aufkam. Da erinnerte er an Winston Churchill („größer als Englands größter Seemann“), den verhinderten Hitler-Attentäter Johann Georg Elser („Der Wilhelm Tell totalitärer Zeiten. Es ist unbegreiflich, dass Elser so lange Zeit unerwähnt geblieben ist“) oder an den ebenfalls unvollendeten Hitler-Attentäter Maurice Bavaud.

Bester Laune

Überhaupt Hitler und die NS-Zeit: Die Zivilcourage einzelner Menschen und ihr Scheitern am mörderischen Regime stehen im Mittelpunkt von Hochhuths Lesung – ohnehin eines der wichtigsten Themen im Werk des Autors, der bester Laune und mit lässig über die Schulter geworfenem Jackett die Jaspers-Bibliothek als natürliche Bühne nutzte.

Weshalb er seinem Publikum gegen Ende auch noch „etwas Menschliches nach all dem Unmenschlichen“ bot: zwei Anekdoten, über die man ebenso staunen wie herzlich lachen konnte. Der Literatur-Star Rolf Hochhuth zeigte sich in Oldenburg von seiner besten Seite: charmant, weise, streitbar.

Klaus Fricke
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