Oldenburg War’s das? Nie mehr zahllose Tempiwechsel, ellenlange Soli in noch längeren Songs, nie mehr Rockmusik auf Hochschulniveau? Möglich ist es, und darum lag sentimentale Abschiedsstimmung über der Oldenburger Kulturetage, in der die englische Jazzrock-Band Colosseum am Montagabend ihre Deutschland-Tour beendete. Und auf Nimmerwiedersehen sagte.

Schlagzeuger Jon Hiseman, der 1968 die Formation von musikalisch Höchstbegabten gründete und damit die bald sehr populäre Stilrichtung Jazzrock, hat als 70-Jähriger genug vom Tourstress: „Ich habe mein Privatleben an den Rock’n‘Roll verloren. Es wird höchste Zeit, da was nachzuholen.“ Auch künstlerisch ist die Entscheidung logisch: Colosseum sind inzwischen die letzte von einst vielen Gruppen, die den Jazzrock gut spielen konnten.

Mag auch Bassist Mark Clarke (64) trotzig murmeln: „Ihr werdet mich hier wiedersehen“, Hisemans Entschluss steht fest, unter anderem aus gesundheitlichen Gründen. Und trotzdem ist das Ende schade, denn Colosseum zeigte noch einmal künstlerisch Überragendes.

Das Oldenburger Konzert strotzte vor musikalischer Kraft, die kennzeichnend war und ist auch für Chris Farlowe (Gesang, 74 Jahre), Dave Greenslade (Orgel, 71), Clem Clempson (Gitarre, 65) und Barbara Thompson (Saxofon, 70). Sechs Individualisten, die im Ensemble ebenso funktionieren wie als Solisten, erhoben Gassenhauer wie „Valentyne Suite“ oder „Lost Angeles“ zu neuer majestätischer Größe, zelebrierten frische Songs wie „Blues To Music“ oder „The Way You Waved Goodbye“ und verbeugten sich vor dem kürzlich verstorbenen Bassisten Jack Bruce mit einer herzerwärmenden Version seiner „Morning Story“.

Der Applaus in der ausverkauften Oldenburger Kulturetage war lang und herzlich – und dennoch verhallte er irgendwann. Der letzte Jazzrock-Ton war gespielt. Bis auf Weiteres.

Klaus Fricke
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