Kabul Kabul gehört zu den hässlichsten Hauptstädten der Welt. Die einstigen, von Rosen gesäumten Boulevards sind verschwunden. Stattdessen schießen an den überfüllten Straßen im Zentrum der afghanischen Hauptstadt heute meterhohe Betonmauern empor. Die Menschen dahinter schützen sich vor Bomben und Geschossen, die der seit 14 Jahren andauernde Aufstand der radikalislamischen Taliban mit sich bringt. Nach den jüngsten Anschlägen hat sich die Zahl der monströsen Mauern quasi über Nacht vervielfacht. Vor Regierungs- und Bürogebäuden, Botschaften sowie den Häusern wohlhabender Einwohner stehen sie inzwischen sogar in doppelter Reihe.

Besucher können sich des Eindrucks einer geteilten Stadt kaum erwehren: Hinter den Mauern sitzt eine gut geschützte Elite, davor ist jeder auf sich alleine gestellt. Der Künstler Kabir Mokamel hat in den Betonwällen die perfekte Leinwand für seine Kunst entdeckt. Mit Kunstwerken auf den Mauern will der vor vier Jahren aus dem australischen Canberra zurückgekehrte Maler aber nicht nur der traurigen Stadt einen frischen Anstrich verpassen. Vielmehr möchte er auch zeigen, welches Bild die Bewohner von sich selbst, ihren Mitmenschen, ihrer Umgebung und Zukunft haben.

Sein Künstlerkollektiv nennt Mokamel „Art Lords“: eine bittere Referenz an die Warlords, die noch immer die afghanische Politik dominieren und öffentlich als Kriegshelden gefeiert werden. Die Gruppe nutzt ihre Straßenkunst, um auf die sozialen Probleme des Landes nach fast vier Jahrzehnten Krieg hinzuweisen.

„Ich will den Leuten zeigen, wer wirklich die Helden meiner Stadt sind - etwa diejenigen, die die Stadt sauber halten“, sagt der 46-jährige Mokamel. „In der Geschichte Afghanistans geht es von jeher immer um die Menschen, die kämpfen, die Schwerter und Gewehre haben. Wir wollen etwas anderes einbeziehen, etwa die Menschen, die dazu beitragen, unsere Stadt und unser Leben besser zu machen. Das bringt die Leute weg von der Kriegs- und Konfliktmentalität.“

In diesem Sinne malten die „Art Lords“ kürzlich Porträts von Straßenkehrern in orangefarbenen Arbeitswesten und traditioneller Kopfbedeckung auf eine Mauer vor der Zentrale des afghanischen Geheimdienstes. Daneben steht in riesigen schwarzen Lettern, deutlich lesbar für jeden Autofahrer im dichten Verkehr: „Die Helden meiner Stadt: die Straßenfeger.“

Bei vielen Passanten stößt das Wandbild auf Zustimmung. „Es ist interessant für die Menschen in Afghanistan“, sagt der 26 Jahre alte Arbeiter Ahmad Dschan, der an einem sonnigen Nachmittag die Malerei betrachtet. „Jeder, der die Straße überquert, wird es sich anschauen und die Botschaft lesen und dann eine neue Perspektive bekommen.“

Solches Lob bestätigt die Künstler in ihrer Motivation. Die freiwillige Helferin Mariam Kohi unterstützt Mokamel jeden Tag bei der Arbeit. „Diese Betonmauern blockieren die Pendlerstraßen und lassen die Stadt wie ein Gefängnis aussehen“, sagt sie. „Afghanistan macht einen langen Kampf durch, und Dreck und Korruption verschmutzen die Stadt. Mit diesen Gemälden wollen wir unsere Botschaft gegen Korruption an die Leute bringen.“

Die Organisation Transparency International nennt Afghanistan immer wieder als einen der korruptesten Staaten weltweit. Präsident Aschraf Ghani kündigte kürzlich Reformen und ein härteres Vorgehen an, um das Problem in den Griff zu bekommen. Doch es ist längst nicht das einzige des Landes, betont Mokamel und zählt soziale Malaisen auf wie eine fehlende Arbeitsmoral, Disziplin und die Belästigung von Frauen.

Ein Teil der Probleme in der Hauptstadt geht darauf zurück, dass Kabul aus allen Nähten platzt. Die Stadt wurde ursprünglich für 450.000 Einwohner gebaut. Heute leben dort schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen - und das obwohl weder Infrastruktur noch Transportwesen, Wasser- und Abwasserversorgung mit dem Wachstum mithalten konnten.

Die Stadt sei früher einmal ein angenehmer und geselliger Ort zum Leben gewesen, erinnert sich Mokamel, der als Jugendlicher vor dem Krieg floh. „Die Menschen waren sehr vertrauensvoll und sehr freundlich“, sagt er. „Diese Werte sind verschwunden, weil der Konflikt schon so lange dauert und das normale Sozialverhalten und das soziale Miteinander zusammengebrochen sind.“

Der Wunsch, die alten Werte wiederzubeleben, führte Mokamel 2010 nach Kabul zurück. In Australien hatte er als Grafiker gearbeitet und studiert. „Ich habe draußen viel gelernt, und das wollte ich an meine Heimat weitergeben.“

Zu den Ergebnissen gehört eine Bilderserie mit dem Titel „Die Heilung der Wunden Afghanistans“. Ein Gemälde daraus zeigt rote Herzen an einer weißen Mauer - eines davon ist ein Ballon, den ein kleines Mädchen in der Hand hält, ein anderes wird in einem traditionellen Handkarren gezogen. Eine rote Landkarte von Afghanistan ist mit Wundpflaster überzogen.

In der nächsten Serie soll es um Selbstmordanschläge gehen, bei denen in den vergangenen Wochen in der Hauptstadt mehr als 50 Menschen getötet wurden. Mokamel führt zur Sicherheit einen offiziellen Brief bei sich, der ihn als Künstler ausweist. Er befürchtet, dass ihn die Polizei sonst für einen Vandalen halten könnte.

Das erste Werk der „Art Lords“ war im Juli am Haupteingang der Nationalen Sicherheitsdirektion aufgetaucht. Als Warnung an korrupte Beamte blickt dort ein betörendes Augenpaar von der Schutzmauer. Die Anwohner verstanden die beabsichtigte Botschaft sofort.

Inzwischen versammeln sich jeden Tag Fans um die Künstlergruppe. „Ich sage ihnen, dass unsere Arbeit wirklich wichtig ist“, erklärt Mokamel. „Denn in dem Moment, in dem der Farbpinsel die Mauer berührt, ist dieser Teil der Mauer verschwunden.“

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