Oldenburg Er rumpelt und knallt, er scheppert und er ist melancholisch – zumindest musikalisch, der „Woyzeck“, der in Oldenburg Premiere feierte. „Woyzeck“ wurde nach dem Stück von Georg Büchner aufgeführt – was so viel heißt, dass es die „Woyzeck“-Variante zu sehen gab, die der Theatermagier Robert Wilson mit dem Sänger und Komponisten Tom Waits und dessen Frau Kathleen Brennan ausgeheckt hat und die im Jahr 2000 in Kopenhagen aufgeführt wurde.

Woyzeck, Wilson, Waits – das klingt verlockend, das zeigt aber auch, dass es hier nicht nur um Büchners berühmtes Drama geht. Und für die Oldenburger Inszenierung gilt: Wenig Büchner und sehr, sehr viel Waits.

Zwei Stunden

Am Anfang steht das gesamte Ensemble auf der Bühne, beginnt mit dem Song „Misery is the river of the world“ mit der einprägsamen Textzeile: „If there’s one thing you can say about Mankind/ There’s nothing kind about man“ („Wenn es eines gibt, das man über die Menschheit sagen kann, dann dies, dass der Mensch nichts Freundliches an sich hat“). Mit diesem Credo ist die Marschrichtung festgelegt: Regisseur K.D. Schmidt hat sich für eine Art „Woyzeck“-Musical entschieden, das drastisch verdeutlicht: Das Leben und die Menschen sind schlecht – das ist eben so.

Diese Erkenntnis wird in zwei Stunden leider nicht durchdekliniert, sondern nur vorexerziert. Woyzecks Kampf um Anerkennung, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden – all das rückt in Oldenburg in den Hintergrund. Zu schrill, zu hektisch wirkt das Stück.

„Er läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt“, sagt der Hauptmann (schön überzogen gespielt von Thomas Lichtenstein), in einer Szene über Woyzeck. Oh ja, das tut er, dieser Woyzeck: Klaas Schramm gibt ihn als komplett Getriebenen, als völlig zerfaserten Charakter, bei dem die Nerven blank liegen. So, dass man sich unwillkürlich fragt, wie er seine Figur in den kommenden zwei Stunden noch weiterentwickeln möchte – was dann auch nicht geschieht. Schramms Woyzeck ist permanent am Anschlag.

Dieser Sichtweise können auch die anderen Protagonisten nichts mehr hinzufügen: Der Doktor (Gilbert Mieroph), der Woyzeck als Versuchskaninchen für seine Zwecke einkauft und ihn einer rigorosen Erbsendiät verpflichtet, rutscht in seinen Szenen fast in groben Slapstick ab, wenn er seinen Probanden untersucht. Das Eifersuchtsdrama um Marie (Sarah Bauerett) oder deren Liaison mit dem Tambourmajor (Henner Momann) bleiben blass.

Mehr Liederabend

Woyzecks Aufschrei „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einen, wenn man hin absieht“ – wird in Oldenburg zur Hälfte umgesetzt. Es werden die Abgründe gezeigt – allein der Schwindel funktioniert nicht. Und über allem thront die Musik von Waits. Übermächtig, anstatt das Stück zu bereichern, ihm neue Nuancen abzugewinnen.

Vielmehr scheint es, dass der Text Büchners nur dazu dient, um als Überleitung zum nächsten Lied zu fungieren. Diese sind dafür musikalisch hervorragend umgesetzt. Die fünf Musiker unter der Leitung von Christoph Iacono entfachen den kompletten Waitschen musikalischen Wahnsinn, der immer wieder Anleihen bei Hanns Eisler und Kurt Weill findet. Es rumpelt und knallt, es scheppert, dass es eine wahre Freude ist. Und dann gewinnt auch der Abend an Wirkung, dann sind auch die Schauspieler in ihrem Element.

Würde man den „Woyzeck“ nach Waits und Wilson rein musikalisch aufführen – es wäre ein hervorragender Liederabend geworden.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.