STUTTGART In Filmen sind alternde Ballettstars oft nervliche Wracks: Sie weinen einsam in ihre Kopfkissen und leiden unter dem fehlenden Erfolg. In Stuttgart gibt es einen Tanzweltstar, der sich ein solches Verhalten leisten könnte – doch Marcia Haydée ist meilenweit vom Klischee entfernt. „Es ist zwar wichtig zu wissen, wie alt man ist – aber das bedeutet nicht, dass man so alt ist, wie die Gesellschaft einen sieht“, sagt die gebürtige Brasilianerin. Kurz vor ihrem 75. Geburtstag am kommenden Mittwoch stehe für sie nur eins fest: „Tanzen, das war mein ganzes Leben.“

Ballettwunder

Mit vier Jahren beginnt die am 18. April 1937 als Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva geborene Brasilianerin zu tanzen, später gelangt sie an die Royal Ballet School in London und begegnet 1958 zum ersten Mal dem Mann, der sie berühmt macht. „Ich wusste, dass etwas Großes kommt an dem Tag, an dem ich das erste Training bei John Cranko hatte“, erinnert sich Haydée an das Treffen mit dem Choreografen. Drei Jahre später ernennt er sie zur Ersten Solistin, lässt sie im Jahr darauf die Titelrolle in „Romeo und Julia“ tanzen. Der Premierenabend am 2. Dezember 1962 markiert den Beginn dessen, was weltweit als „Stuttgarter Ballettwunder“ bekannt wird.

Egal ob „Onegin“, „Der Widerspenstigen Zähmung“ oder „Carmen“ – die Stücke aus Stuttgart werden gefeiert. Ihr selbst öffnet spätestens 1969 eine umjubelte US-Tour die Türen zu den größten Bühnen der Welt. Sie tanzt mit Stars wie Rudolf Nurejew und Mikhail Baryshnikov, feiert Partys mit Grace Kelly und Fürst Rainier und wird immer mehr zu der Frau, von der die „New York Times“ schließlich schreibt, sie sei die „Maria Callas des Tanzes“.

Haydée hat ihre eigene Theorie, warum es zu diesen Erfolgen kam. Da seien natürlich zum einen die großen Namen gewesen, die Cranko um sich scharte: Egon Madsen, Richard Cragun, Birgit Keil, dazu die Choreografien von Jirí Kylián, John Neumeier, William Forsythe. Doch für Haydée war da mehr, denn „ganz außergewöhnlich“ habe die Compagnie zusammengehalten. „Das ganze Team hat etwas erreicht“, sagt sie heute. „Dazu kam die Stimmung in Stuttgart und Deutschland. Das ganze Land hat uns geholfen, das zu erschaffen.“

Doch die Primaballerina bleibt von Schicksalsschlägen nicht verschont: Ihr Förderer Cranko stirbt 1973 im Alter von 45 Jahren überraschend nach einem Gastspiel des Balletts beim Rückflug aus den USA. Ihre Karriere als Ballettchefin ist zunächst erfolgreich, wird mit der Zeit aber zunehmend kritischer gesehen. „Ich habe Tanztheater gemacht, das haben Teile des Publikums nicht akzeptiert. Die wollten mich als Julia“, sagt sie rückblickend. „Das Schlimmste von allen war der Tod meines Bruders: Er wurde mit 50 Jahren auf der Straße erschossen“, erzählt sie. Er war zufällig in eine Schießerei geraten. „Da hilft einem nichts. Man muss durch die Situation durch, bis man auf der anderen Seite ist.“

Stundenlanges Yoga

Wer heute mit ihr spricht, bekommt den Eindruck, eine äußerst zuversichtliche Frau kennenzulernen. Eine, die in ihrem Haus auf der Schwäbischen Alb in stundenlangen Yoga-Meditationen mit ihrem Mann Ruhe findet. Und eine, die Spaß daran hat, wenn sie ihr Smartphone mit Strasssteinchen verziert und mit Jungtänzern über Tablet-PCs philosophiert. Eine, die immer noch als Choreografin arbeitet und mit 60 Jahren Autofahren gelernt hat. Für Angst vor dem Tod bleibt da kaum Zeit: „Ich denke, wir bekommen, was für uns vorgesehen ist.“

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