London „Das Geheimnis des Edward Drood“ konnte er nicht lüften: Kaum hatte Charles Dickens das 23. Kapitel seines Romans beendet, erlitt er beim Abendessen einen Schlaganfall. Am nächsten Tag starb er, am 9. Juni 1870. Begraben wurde er in der „Poet’s Corner“ in der Kirche Westminster Abbey in London.

Erst 1906 äußerte sich Tochter Kate Perugini zu dem letzten, unvollendet gebliebenen Roman: Dickens habe keinen Kriminalfall um den verschwundenen Mr. Drood lösen, sondern die Psyche seines Mörders ausloten wollen. Der Täter war der Onkel. Und der war persönlichkeitsgespalten wie der Protagonist in „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ im Roman von Robert Louis Stevenson, der 16 Jahre nach Dickens’ Tod erschien.

Schriftsteller Dickens war nicht nur seiner viktorianischen Zeit, sondern auch seinen Kollegen ästhetisch voraus: Mit dem Symbolismus in seinem Spätwerk wie „Klein Dorrit“ und „Unser gemeinsamer Freund“ oder mit seinen dadaistischen Wortspielereien zwischen dem Boodle-Noodle-Clan und dem Clan der Buffy, Cuffy, Duffy in der Politsatire „Bleak House“.

Seine Leser aber wussten – und wissen – vor allem seine lebendigen Charaktere zu schätzen: Bösewichte wie den Mörder Sikes und den Hehler Fagin, die den Waisenjungen Oliver Twist verderben wollen. Oder Murdstone, der Stiefvater David Copperfields mit dem „sprechenden Namen“, in dessen Fabrik der zehnjährige Titelheld schuften muss.

Dickens wusste, wovon er schrieb: Mit zwölf Jahren arbeitete er selbst in einer Fabrik für Schuhpolitur. Sein Vater saß derweil wegen seiner Schulden im Gefängnis und konnte acht Kinder nicht ernähren. Vorbei war damit das schöne Leben an der Küste, das Dickens später „die goldene Zeit meiner Kindheit“ nannte. Dort, an der Südküste Englands, war er am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren worden. Im Londoner Stadtteil Camden Town lernte er dann die Kinder kennen, die später seine Romane bevölkerten. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Stenograph und Journalist.

Bekannt wurde er mit dem Roman „Pickwick Papers“, der 1836/37 in monatlichen Heften erschien. Auch „Oliver Twist“ erschien 1837/39 als Fortsetzungsroman: eine Mischung aus Humor und Beobachtungsschärfe sowie ein Plädoyer für soziale Reformen. Inzwischen hatte Dickens Catherine Hogarth geheiratet und war zum Herausgeber der größten liberalen Tageszeitung geworden, „Daily News“.

Dickens prangerte den brutalen Umgang mit den Armen an. Dafür attestierte ihm Karl Marx, er habe mit seinen Romanen „mehr an politischer und sozialer Wahrheit ausgesprochen als alle die professionellen Politiker, Publizisten und Moralisten zusammen“.

1858 verließ er Frau und seine zehn Kinder zugunsten der Schauspielerin Ellen Ternan. Sein Leben verdüsterte sich zusehends. Mit seinen späten, ernsten Romanen stieß er viele Leser vor den Kopf. Dickens alterte früh, hielt sich aber für „unnachahmlich“. Als er mit 58 Jahren auf seinem Landsitz in Rochester starb, hinterließ er ein großes Vermögen.

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