London Als mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Metall knapp wurde, begann in Deutschland die Ära des Notgelds, einer Ersatzwährung, mit der Kleingeld-Umlauf garantiert und später die Hyperinflation bekämpft werden sollte. Doch nicht alles lief nach Plan: Die zum Teil hoch dekorierten Noten aus Pappe, Stoff, Leder und Seide wurden – wie Briefmarken – zum begehrten Sammlerobjekt. „Sie gelten heute als ein Souvenir aus einer turbulenten Zeit“, erläutert Kurator Johannes Hartmann, der die Ausstellung „Währung in der Krise: Notgeld in Deutschland 1914-1924“ zusammengestellt hat.

Hartmann, der als Doktorand der Geschichte an einem Forschungsprojekt zu dem Thema arbeitet, hat rund 100 Objekte aus dem umfangreichen Bestand des British Museum von 18 000 Noten mit 4000 verschiedenen Motiven zusammengestellt. „Wir erschließen damit eine bisher fast unangezapfte Quelle der politischen und kulturellen Geschichte der damaligen Zeit“, sagt Hartmann. Die Vielfalt der politischen Botschaften zeugt nach seiner Ansicht davon, dass die „Weimarer Republik auf dem Lande keineswegs überall liberal war“. Ende 1923 bestand die Hälfte des Geldumlaufs in Deutschland aus Notgeld.

Die erste Note aus dünner Pappe, mit der Unterschrift des Bürgermeisters versehen, wurde bereits in der ersten Kriegswoche im August 1914 im damaligen Westpreußen gedruckt. „Gott mit uns“ steht auf dem Eine-Mark-Schein, ein weiterer trägt die Aufschrift „Im festen Glauben an den Sieg“. Mit der wachsenden Beliebtheit der Scheine als Sammlergut, die den örtlichen Gemeinden gute Profite einbrachten, wuchsen Farbenfreude und Fantasie. Legenden, Propaganda, Tourismuswerbung, Hunger und Nostalgie wurden zum Thema.

Große Firmen wie Krupp bezahlten ihre Arbeiter mit Notgeld, die Textilstadt Bielefeld warnte 1922 auf einer Seidennote vor Inflation und moralischem Verfall, Köln ersann einen Pakt zwischen dem Teufel und dem Erbauer seines Doms, der Harz warb mit den Brocken-Hexen für beschwingte Ferien, Thüringen für die Skifahrt, und Wangerooge für den Strand.

Doch je mehr die Zeit voranschritt, um so politischer wurden die Botschaften: Zur alliierten Besetzung des Rheinlandes bei Kriegsende wurde an Arbeiter Notgeld verteilt, um streiken zu können. Nur für den kurzen Verlauf ihres Parteitags in Emden 1921 ließ die SPD Noten von Karl Marx, Friedrich Engels und August Bebel drucken, das Bauhaus entwarf einen Millionen-Markschein für die Landesregierung in Weimar.

Die Ausstellung, die bis zum 29. März gezeigt wird, lädt laut British Museum dazu ein, Parallelen zu heute, zur Brexit-Zeit, zu ziehen, in der politisches Chaos, Imperialismus-Nostalgie und Attacken auf die Demokratie zum Alltag gehören.

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