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OLDENBURG Herrliche Einfalt und hübsche Mädchen, nach zweieinviertel Stündchen brav paarweise geordnete Liebende: Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ bietet, was die Komödie verlangt. Im Staatstheater ist die Grundidee nun die Party-Idee. Schließlich feiert das Haus den 175. Geburtstag.

Da wird glatt die Bühne im Großen Haus verlängert: Ein gläserner Leuchtsteg führt bis in den Zuschauerraum hinein. Dessen Anfang besetzen Ledersessel mit Cocktailtischen. Am hinteren Ende der Bühne kann man dagegen ein Klo-Häuschen mit Botticellis „Venus“ entdecken.

Geschmack ist eben verschieden. Jedenfalls stellen sich die Schauspieler anfangs auf dem Catwalk zu fetzigen Rhythmen flott vor, was von Botticelli erstmal ablenkt.

Die eigentliche Bühne ist nicht der Minnehof von Messina, sondern ein kalifornisches Küsten-Grün-Paradies oder eine Las-Vegas-Oase mit Aquakultur, Cabrio und Plätscherfall, viel Musik und einem Planschbecken, in dem nicht nur die lockeren Mädels Peggy, Maggy, Hanni auf High Heels und in coolen Klamotten ihre Füßchen kühlen.

Um einen Hauch von Nichts geht es in der 400-jährigen Komödie, was in Oldenburg einige Kleider der Damen andeuten. Paare, die sich aus eher nichtigen Gründen nicht finden, kommen nach schönen Sprach-Scharmützeln und Verwirrungen zueinander. Reich, klug, schön, vornehm, sportlich, nett: Man(n) darf im Theaterstuhl versinken, wenn Eva-Maria Pichler als herrlich schnippische Beatrice aufzählt, was ein Kerl bei ihr so mitbringen sollte. Zum Glück naht schon ihr wortflinker Widerpart, der Benedikt. Darsteller Vincent Doddema zählt irgendwann für sich als Single auf, was eine Frau mitbringen sollte – das reimt sich genau mit dem, was wir vorhin von Beatrice hörten.

Neckereien in dieser Art führen zielsicher zur Paarung. Worte sind hier kaum Brennnesseln, eher dornenlose Rosen, die für jeden Anlass taugen. Trotzdem schmollt die drollige Rika Weniger als süße Hero hübsch lange, bis sie nach einem verkorksten Maskenball wieder mal die Kulleraugen aufreißen darf und mit einem herzhaften Kuss ihren tumben Claudio (schön passend: Denis Larisch) erlöst. Natürlich im Planschbecken.

Shakespeare, denkt man angesichts der bunten Pool-Party, ist unzerstörbar. Und das Stück verdient sich seinen Titel in Oldenburg redlich. „Viel Lärm um nichts“ ist im Staatstheater fast mehr Musical als Sprechtheater, leidlich mit Tanzeinlagen von Beat über Techno bis zum Walzer versehen, versorgt mit guter Musik aus der Konserve und mutig gesungenen Liedchen.

In der hip rüberkommenden Übersetzung von Frank Günther wirkt alles jederzeit gut verständlich. Über der Bühne steht in Leuchtbuchstaben „Paradise Now“. Als es mal ernst wird, heißt es nur noch „Paradise no“ und es regnet natürlich. Im glücklichen Ende liest man wieder „Paradise now“. So schlicht kann Theater sein.

Regisseurin Anna Bergmann hat in der Üppigkeit der alles beherrschenden Bühne die jugendgerechte Revue gesucht und gefunden. Sie dampft den Stoff ein, reduziert das Personal, walzt den Geschlechterkampf aus und naht sich dem Kitsch: Mit roten Herzchen ist der Himmel nach der Pause gepflastert. Naturgemäß ist so generell die Verführung groß, mehr Spektakel als Stück zu sein, und eben das fünfte Mal durchs Planschbecken zu tappen. Durchgehalten wird indes konsequent die Idee einer bunten, aber leeren Welt des Jetsets.

Man ist schon für weniger ins Theater gegangen. Aber auch für mehr.

Karten: 0441/222 51 11

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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