Frage: Herr Modick, haben Sie je etwas von Peter Handke gelesen?

Modick: Oh ja, ich habe sein Werk von Anfang an verfolgt – meist mit großer Zustimmung, mitunter auch kopfschüttelnd. Auch einen längeren Essay habe ich einmal über ihn publiziert. Probleme bereiten mir nur jene Bücher von ihm, auf denen „Roman“ steht, aber gar kein Roman drin ist, wie beispielsweise „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Als ich hörte, dass Handke den Literatur-Nobelpreis bekommt, war ich hocherfreut: Endlich mal jemand nach meinem Gusto!

Frage: Die Meinungen gehen da allerdings weit auseinander. Ihre Kollegin Elke Schmitter hat kürzlich im „Spiegel“ geurteilt, die Schriften Handkes seien eine „verkitschte Form der staatlichen serbischen Propaganda“. Wie sehen Sie das?

Modick: Das halte ich für vollkommenen Quatsch. Der einzige Text, der überhaupt in diesen Verdacht geraten könnte, ist der Bericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“. Staatliche Propaganda von einem Künstler oder einer Künstlerin gab es von Leni Riefenstahl, aber nicht von Peter Handke.

Frage: Tatsache ist aber, dass Handke eine Rede am Grab des Kriegsverbrechers Miloševićc gehalten hat, der wegen Völkermordes angeklagt war.

Feierliche Preisvergabe am 10. Dezember in Stockholm

Der 1942 in Kärnten geborene Schriftsteller Peter Handke erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur. „Für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat“, urteilte die Schwedische Akademie in Stockholm. Die Vergabe sorgte international für sehr unterschiedliche Reaktionen. Sie reichten von Jubel bis zu scharfer Kritik. Feierliche Übergabe ist am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters.

Die weltweite Kritik entzündete sich unter anderem daran, dass der Schriftsteller im Jugoslawienkrieg auf der Seite des serbischen Präsidenten Slobodan Miloševicć stand und am Grab des Kriegsverbrechers eine Rede gehalten hat.

Der Schriftsteller Klaus Modick (68) lebt als Autor und Übersetzer in Oldenburg. Er schrieb unter anderem die Bestseller „Konzert ohne Dichter“ und „Keyserlings Geheimnis“.

Modick: Das ist nicht akzeptabel. Schlimmer finde ich aber, dass Handke den Genozid von Srebrenica geleugnet hat. Aber ist er deshalb nicht würdig, den Nobelpreis zu erhalten?

Frage: Letztlich geht es um die alte Frage: Kann man das Werk vom Autor trennen?

Modick: Ja, kann man. Wenn man das nicht täte, würde man heute in keine Wagner-Oper mehr gehen dürfen. Was macht man mit Martin Luther, der ein rasender Antisemit war? Darf man deshalb die Luther-Bibel nicht mehr lesen? Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in dieser Hinsicht besonders widersprüchlich aufgefallen: Sie nimmt ein Nolde-Gemälde von der Wand, weil der Maler unbestritten ein bekennender Nazi-Mitläufer war, und fährt, ohne mit der Wimper zu zucken, nach Bayreuth, um sich eine Oper des Antisemiten Wagner anzusehen.

Frage: Aber wo soll man die Grenze ziehen?

Modick: Ich finde es gut, dass durch die Zuerkennung des Nobelpreises an Peter Handke dieses Grundproblem unbeabsichtigt wieder ins Zentrum einer Debatte gerückt ist. Caravaggio war ein Mörder, William Burroughs hat seine eigene Frau erschossen, Polanski ist ein rechtskräftig verurteilter Vergewaltiger, Woody Allen ein Kinderschänder.

Frage: Geht es um politisch-moralische oder um ästhetische Kriterien?

Modick: Nach dieser Argumentation darf jemandem wie Handke, unabhängig von seiner literarischen Kompetenz, aus ethischen Gründen so ein Preis nicht verliehen werden. Da wird das eine mit dem anderen verrechnet. Diese Debatte verkennt, dass die Diskrepanz zwischen Leben und Werk, Ethik und Ästhetik in der Kunst- und Kulturgeschichte schon chronisch ist. Es gibt natürlich graduelle Unterschiede: zwischen Woody Allen, der angeblich Sex mit Minderjährigen hatte, oder einer Künstlerin wie Leni Riefenstahl, die sich einem mörderischen Regime zur Verfügung gestellt hat. Aber das ist Handke nicht vorzuwerfen.

Frage: Die Grabrede aber ist Ausdruck seiner Gesinnung.

Modick: Die Frage ist nur, inwiefern sich diese Gesinnung auf sein Werk auswirkt. Soweit ich das überblicke, ist da keine Sympathie oder Parteinahme für ein verbrecherisches Regime zu erkennen. Seine Parteinahme habe dem untergegangenen Jugoslawien gegolten, argumentiert Handke, zu dem er ja wegen seiner Familiengeschichte – seine Mutter kam aus Slowenien – eine sehr emotionale Beziehung hat. Slowenien und der Balkan waren für ihn immer Sehnsuchtsorte. „Gerechtigkeit für Serbien“ heißt ja auch der Text, nicht Gerechtigkeit für Miloševićc oder für die Mörder von Srebrenica. Seine Parteinahme verpackt er in eine Reisebeschreibung, die Beschreibung eines Landes und dessen Schönheit.

Frage: Hat er den Nobelpreis nun verdient oder nicht?

Modick: Absolut! Gewiss hat er ihn verdient. Und er bekommt ihn für sein literarisches Werk, nicht für eine Grabrede. Deshalb hat die Schwedische Akademie in Stockholm ihm ja auch den Literaturnobelpreis zuerkannt und schließlich nicht den Friedensnobelpreis.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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