BREMEN Wenn in Bremen ein Stück über Kindesvernachlässigung gespielt wird, denkt man sofort an den Fall des kleinen Kevin, der 2006 bundesweit Schlagzeilen gemacht hat und zum Rücktritt einer Senatorin führte. Aber die Problematik gab es schon immer; und das Schauspiel „Das stille Kind“ (oder „Getting Attention“, wie es im Original heißt) des britischen Autors Martin Crimp entstand bereits 1991.

Lehrstück

Crimps Drama, das jetzt im Schauspielhaus Premiere hatte, zeichnet sich dadurch aus, dass es auf plakative Anklagen und Schuldzuweisungen verzichtet. Es ist ein eher leises, zum Nachdenken anregendes Stück und zeigt, wie Dinge einfach passieren. Und es ist vor allem ein Lehrstück über die Mechanismen von Wahrnehmungen und die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Hauptpersonen sind die junge Mutter Carol und ihr Freund Nick, der aber nicht der Vater ihres Kindes ist. „Es ist nicht mein Kind“, betont er bei jeder Gelegenheit. Das Kind, um das es hier geht, taucht im Schauspiel selbst nicht auf und ist nur durch die Reaktionen der Eltern präsent. So sieht man etwa, wenn im Kinderzimmer immer wieder das Licht angeht und Carol sich kümmern muss. Oder wenn sie ihr Kind beim Spielen im Garten beobachtet und es auffordert, die gerade geschluckte Erde wieder auszuspucken.

So scheint eigentlich zunächst alles in Ordnung zu sein: Carol sorgt durchaus für ihre Tochter, wenn auch nur im Rahmen ihrer eher bescheidenen intellektuellen und sozialen Möglichkeiten. Aber das Kind ist eben auch ein Störfaktor, vor allem dann, wenn Carol und Nick „übereinander herfallen“ wollen. Die Vernachlässigung bzw. Misshandlung des Kindes geschieht eher schleichend, oft nur in Andeutungen versteckt. Da soll die Tochter ihren Teller immer ganz leer essen, auch wenn die Mahlzeit schon vier Tage im Kühlschrank steht. Oder die Tür zum Kinderzimmer wird irgendwann einfach abgeschlossen. Carol ist eigentlich auch durch ihren dominanten Partner völlig überfordert und trotz vieler Streitereien psychisch abhängig. „Nicht wahr, Schatz?“, fragt sie nach jedem zweiten Satz.

Als es bei der Geburtstagsfeier zum Eklat kommt, sieht man die Kerze auf der Torte langsam verlöschen, als sei es das Lebenslicht des Kindes. Im Nachhinein wird klar, dass es auch körperliche Misshandlungen gab, wie ein Verbrühen beim viel zu heißen Bad.

Hilflosigkeit

Crimps Schauspiel wirft viele Fragen auf, ohne sie eindeutig zu beantworten. Wie ist es mit der Wahrnehmung von Auffälligkeiten? Hätte man selbst eingegriffen? Die Inszenierung von Christian Pade lässt mit ihren stillen Zäsuren viel Freiraum für solche Gedanken, allerdings auf Kosten der Stringenz, sodass es doch einige Längen gibt. Aber die Schauspieler überzeugten mit treffender Charakterisierung: Johanna Geißler als naive, leicht laszive Carol, Martin Baum als Nick, der meist im Unterhemd und mit der Bierdose in der Hand agiert, Gabriele Möller-Lukasz als „allwissende“, spießige Nachbarin, Christoph Rinke als kauziger Nachbar mit eigenen Problemen und Irene Kleinschmidt als letztlich hilflose Sozialarbeiterin.

Karten: 0421/36 53 333

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