Stockholm (dpa) – Deutlicher konnte es kaum sichtbar gemacht werden, wie sehr das Ansehen der Schwedischen Akademie ramponiert ist: Zur feierlichen Hauptversammlung, die normalerweise in Anwesenheit der Königsfamilie und der kulturellen Elite Schwedens stattfindet, waren am Donnerstagabend viele Stühle leer.

Sechs Akademiemitglieder, zahlreiche Kulturgrößen und die halbe Königsfamilie blieben der Veranstaltung fern. "Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir uns trauen, uns auf die Zukunft zu freuen", sagte zwar der Lyriker Jesper Svenbro in seiner Eröffnungsrede dem Schwedischen Fernsehen SVT zufolge. Doch das sehen nicht alle so.

Immerhin nahm die ehrwürdige Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, drei neue Mitglieder auf. Der Literaturwissenschaftler Mats Malm, der Jurist Eric M. Runesson und die Autorin Jila Mossaed ersetzen Mitglieder, die das Gremium verlassen haben.

Die Akademie ist seit einem Jahr wegen eines Vergewaltigungsskandals in einer tiefen Krise. 2018 fiel der Literaturnobelpreis aus. Der Ständige Sekretär Anders Olsson sprach die Krise und die Vorwürfe gegen den Franzosen Jean-Claude Arnault an, der mit der Akademie eng vernetzt ist. Arnault, Ehemann von Akademie-Mitglied Katarina Frostenson, wurde inzwischen wegen Vergewaltigung verurteilt. Außerdem soll er die Gewinner des Literaturnobelpreises ausgeplaudert haben. Zuletzt in dieser Woche bestätigten mehrere Kulturgrößen, der Franzose habe ihnen gegenüber das Geheimnis noch vor der Bekanntgabe gelüftet.

Weil sich einige Mitglieder nicht von Arnault distanzieren wollten, zerstritt sich das Gremium und verlor seine Beschlussfähigkeit. Inzwischen wurden die Statuten dahingehend verändert, dass die eigentlich auf Lebenszeit gewählten Mitglieder zurücktreten können. Fünf haben davon seit Mai Gebrauch gemacht, drei neue wurden am Donnerstag aufgenommen.

Auch die Zukunft von Katarina Frostenson ist ungewiss. Die Akademie wirft ihr "Geheimnisverrat" vor, weil sie wiederum ihrem Mann die Nobelpreisträger vor der Verkündung verraten haben soll, was Frostenson aber bestreitet. Die Akademie will sie loswerden, doch die Lyrikerin weigert sich.

Olsson sagte laut dem Schwedischen Fernsehen, die Untersuchung der Vorwürfe durch Anwälte habe geholfen, herauszufinden, was passiert sei - und was nicht. "Der Untersuchung zufolge war der Akademie kein Missbrauch bekannt. Aber das ist nur ein kleiner Trost", sagte Anders Olsson.

Ob es 2019 einen Literaturnobelpreis geben wird, ist nicht gesichert, auch wenn die Akademie beschlossen hat, dass ein Komitee, bestehend aus fünf Mitgliedern der Akademie und fünf externen Beratern, über den Gewinner entscheiden soll.

Auch ob der Preis jemals seine Bedeutung als weltweit wichtigste Literaturauszeichnung zurückgewinnen kann, steht in den Sternen. Schon in den vergangenen Jahren wurden die Akademie-Entscheidungen stark kritisiert - ganz besonders die Vergabe 2016 an den Musiker Bob Dylan, der die Akademie dann auch noch blamierte, indem er nicht zur Preisverleihung kam. Umstritten war auch die Auszeichnung der dokumentarisch erzählenden Weißrussin Swetlana Alexijewitsch im Jahr 2015. Immerhin: Gegen den Preisträger von 2017, den britischen Autor Kazuo Ishiguro, hatte die Fachwelt keine Einwände.

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