Oldenburg Wer das Verzeichnis der Aufsätze, Vorträge, Schriften, Ausstellungen und Einführungen von Jürgen Weichardt auf den Drucker schickt, sollte Geduld haben – und vor allem ausreichend Papier vorrätig. Der Oldenburger Kunstkritiker und -sammler, der seit 1961 für diese Zeitung Ausstellungen rezensiert und am 7. Juni seinen 80. Geburtstag feiert, hat jedoch den Überblick behalten: 1100 Ausstellungen hat er bisher eröffnet und rund 300 selbst kuratiert. Nur seine Rezensionen hat er nicht gezählt. Die Auflistung dürfte jeden überfordern.

Sinn für Widerborstiges

Die Kunst ist für Weichardt, der 1933 in Hannover geboren wurde und seit 1946 in Oldenburg lebt, stets mehr Berufung als Beruf gewesen: Von 1966 bis 1995 unterrichtete er Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Sport am Alten Gymnasium Oldenburg und wusste seine Leidenschaft für die Kunst immer mit dem Klassenzimmer zu verbinden.

Sein Interesse daran hat er selbst einem Lehrer zu verdanken. Das erste Kunstwerk, über das er während seiner Schulzeit an der damaligen Hindenburgschule, schreiben musste, war der Taufstein von Wiarden im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Er habe schon damals versucht, Antworten zu formulieren, erzählt er, warum ihm etwas gefalle und warum nicht. Und oft habe sich dabei das anfängliche Missfallen ins Gegenteil verkehrt, weil gerade das „Widerborstige“ für ihn interessant wurde.

Während seines Studiums in Oldenburg, Göttingen und Bonn hat sich das fortgesetzt, zumal auch Kunstgeschichte zu seinen Fächern gehörte. Damals begann seine Sammlertätigkeit, die sich aus finanziellen Gründen auf Plakat- und Kalenderdrucke beschränkte, mit denen er die Wände seiner Studentenbude tapezierte. Erst als er sich damit auf die Zimmerdecke ausdehnen wollte, habe seine Wirtin protestiert, sagt Weichardt mit jenem schmalen, zurückhaltenden Lächeln, das typisch für ihn ist.

Den Weg zur Zeitung wies ihm der Maler Werner Tegethof. Weichardt war damals noch Referendar, Tegethof arbeitete bereits als Kunsterzieher. Das Gespräch in der Redaktion dieser Zeitung verlief erfolgreich: Schon wenige Tage später musste Weichardt eine Ausstellung des Cloppenburger Bildhauers Paul Dierkes im Schloss rezensieren. Mit einer Unterbrechung von 1973 bis 1980 hat seine Mitarbeit bis heute Bestand.

Um sich in der modernen Kunstszene umzutun, zog es Weichardt nicht wie andere in den Westen, sondern nach Osten. 1964 besuchte er das erste Mal Prag, 1965 Ungarn, es folgten Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Polen und Russland. Für seine Verdienste um die polnische Kultur – unter anderem als Mitarbeiter und Juror der Grafik-Biennale in Krakau – erhielt er 1988 den Orden „Mèrite en Faveur de la culture Polonaise“, eine der höchsten Auszeichnungen, die Polen zu vergeben hat.

Riesige Sammlung

Seit er mit der russischen Künstlerin Eugenia Gortchakova verheiratet ist, hat sich sein Verhältnis zum Osten und zur Kunst noch intensiviert. Rund 1500 Arbeiten, von der Skulptur bis zur Zeichnung, umfasst seine Sammlung, nachdem er bereits einige Hundert abgegeben hat, etwa ans Oldenburger Horst-Janssen-Museum, aber unter anderem auch nach Russland.

Etwa 30 bis 40 Bilder hängen bei ihm zu Hause. Allerdings würden seine gesammelten Arbeiten allmählich von den selbst geschaffenen seiner Frau verdrängt, sagt er und lächelt. Diesmal richtig.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion

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