BREMEN Die Lichtregie war genial, und das Ensemble bot eine geschlossene Leistung. Es wurde vom Publikum gefeiert.

Von Reinhard Rakow BREMEN - Diese Möwe ist ein Kracher! Sie lacht, kreischt und zetert, sie giert und verschlingt, sie überschlägt sich im Flug, dreht Loopings, gleitet erhaben hinan, sich im Spiegel des Sees zu bewundern – und verfehlt doch ständig die Landebahn.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und Komödie ist, wenn man trotzdem lacht. Natürlich weiß jeder im Saal, wie es ausgeht. Doch bis nach zwei Stunden der letzte Schuss fällt, halten alle den Atem an und sind hin und weg.

Tschechows „Möwe“ am Bremer Schauspielhaus schießt den Vogel ab mit einem Feuerwerk zündender Regieeinfälle, einem Bühnenbild zum Vergucken und einer funkelnden Leistung des Ensembles, das unglaublich geschlossen agiert, hoch inspiriert bis zur letzen Sekunde.

Michael Talke, der letztes Jahr „Amphitryon“ inszenierte, und Bühnenbildnerin Barbara Steiner lassen ihre Möwe im Foyer (!) steigen. Man folgt ihr in den Saal, wo die Schauspieler einem vor einer bühnenfüllenden Sperrholzwand nah auf den Leib rücken.

Oben, im Ausguck, wird Nina, die Muse des jungen Möchtegern-Schriftstellers Kostja, dessen Möchtegern-Drama monologisieren.

Die Wand, von scheinbar leichter Hand gekippt, wird zum Boden, der Ausguck zum Pool, in dessen Wasser Aktrice, Autor und Arzt gleiten werden, um fortan halbseiden parlierend aneinander vorbei zu reden.

Eine weiß geflieste Wand bildet den erst fernen, dann nahen Hintergrund, schließlich wird sie zum im Winde der Erinnerung verwehenden Kinobild. Von wegen zaristische Landgut-Idylle!

Talke, Steiner und eine geniale Lichtregie zaubern eine in jeder Beziehung stimmige moderne Konzeption, in der Film- und Tonbandzitate, gewiss Tüpfelchen auf dem inszenatorischen „i“, Nebenwelten frappierend ausleuchten.

Pralles, lebendiges, mitreißendes Theater – nicht zuletzt dank der Darsteller: Irene Kleinschmidt etwa brilliert als vielgestaltige Irina, die, mondän und verbittert, dem Erfolg hinterher rennt, Friederike Pöschel anrührend als Mascha, die unglücklich Verliebte. Trystan Pütter gibt voll Inbrunst den Kostja: tödlich einsam, ungestüm verworren, am Leben verzweifelnd.

Karten: 0421/36 53 333

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.