Am 17. Oktober 1940 begab sich Walter Müller- Wulckow, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, ins Berliner Auktionshaus Hans W. Lange, das die umfangreiche und in Fachkreisen bekannte Waffensammlung des Unternehmers Paul Blell aus Zeulenroda anbot.

Zweifelsohne eine seltene und attraktive Gelegenheit, allerdings waren die Verkaufsumstände problematisch: Auktionator Lange profitierte zwischen 1937 und 1943 maßgeblich von der Verfolgung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung und verkaufte im Auftrag der Finanzbehörden regelmäßig beschlagnahmtes Gut. Müller-Wulckow ersteigerte für das Landesmuseum unter anderem zwei imposante Pistolen aus dem Jahr 1588, für die er den beachtlichen Preis von 805 Reichsmark zahlte. Es handelt sich um sogenannte „Schwarze Puffer“ – kunstvoll verzierte Radschloss-Pistolen, die zur Ausstattung der Trabanten der kurfürstlichsächsischen Leibgarde gehörten. Christian I. (1560–1591), Kurfürst von Sachsen, hatte 1586 die Regierungsgeschäfte von seinem Vater, Kurfürst August von Sachsen (1526–1586), übernommen und ein Jahr später mit der Neuausstattung der Leibgardisten begonnen.

Neben Uniformen mit prunkvollen Helmen in den kursächsischen Hoffarben Schwarz und Gelb erhielten die Gardisten Stangenwaffen, Säbel, Musketen, Karabiner und Pistolen. Das von Müller-Wulckow erworbene Pistolenpaar gehörte zur Ausstattung der berittenen Leibwache und wurde paarweise in Holstern am Sattel verstaut.

Der Begriff „Puffer“ entstammt dem 16. Jahrhundert und ist neben „Faustrohr“ ein zeittypischer Ausdruck für die „Pistole“. Die heute zur Sammlung Kunstgewerbe und Design des Landesmuseums gehörende Radschloss-Pistolen messen jeweils rund 58 cm in der Länge und wurden aus geschwärztem Birnenholz gefertigt. Charakteristisch sind die großen, kugelförmigen Knäufe am Griffende, die einen sicheren Halt während des Schusses ermöglichen sollten und notfalls auch als Schlagwaffe dienen konnten.

An ihrer Unterseite sind die Knäufe je mit einer runden Silberplakette verziert, die das Profil eines antiken Kriegers oder Gottes zeigt – womöglich handelt es sich um Mars, den römischen Gott des Krieges. Das Holz der Schäfte und der Knäufe weist eine sichtbare Körnung an der Oberfläche auf, die der besseren Grifffestigkeit dienen sollte.

Die Waffen sind mit Gravuren, Signaturen und Marken versehen und eindeutig bestimmbar: So finden sich auf den Läufen und den flachen Schlossplatten das eingravierte Entstehungsjahr 1588 sowie Schlagmarken mit einem Jagd- oder Waldhorn in einer Kartusche bzw. Zierrahmung.

Die Tatsache, dass die Pistolen im Kriegsjahr 1940 beim einschlägig bekannten Auktionator Lange erworben wurden, macht eine gründliche Überprüfung der Provenienz notwendig. Recherchen haben ergeben, dass die Pistolen nicht aus der Sammlung Blell, sondern aus Wien stammen. Unter welchen Umständen sie in die Auktion gelangten, ist bislang ungeklärt. Bis dahin unterliegen die Pistolen weiter der Provenienzforschung.

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