Berlin Kunst siegt über Kommerz: Der 81-jährige Autorenfilmer Edgar Reitz hat mit seinem knapp vierstündigen, in Schwarz-Weiß gedrehten Auswandererepos „Die andere Heimat“ die Goldene Lola für den besten deutschen Spielfilm gewonnen. Der ebenfalls in der Königskategorie nominierte Publikumsliebling „Fack ju Göhte“ von Bora Dagtekin hatte bei der Verleihung des 64. Deutschen Filmpreises das Nachsehen. Gerührte und sehr zufriedene Gewinner in der Kategorie Beste Schauspieler waren die 36-jährige Jördis Triebel („Westen“) und der 78-jährige Dieter Hallervorden („Sein letztes Rennen„).

An die Schulkomödie „Fack ju Göhte“ mit Elyas M“Barek und Karoline Herfurth wurde bei der Lola-Gala am Freitagabend in Berlin trotz vier Nominierungen lediglich ein undotierter Sonderpreis vergeben: die Auszeichnung für den mit sieben Millionen Zuschauern besucherstärksten Film. Zum Vergleich: Reitz“ kunstvollen Heimatfilm sahen nur 122.000 Kinogänger. An die Hunsrück-Saga gingen neben dem mit 500.000 Euro dotierten Hauptpreis zwei weitere wichtige Trophäen: die Lolas für Regie und Drehbuch. Das Lola-Preisgeld muss laut Statut für die Produktion eines neues Films verwendet werden.

Die 1600 Mitglieder der Deutschen Filmakadmie, die seit Jahren einen großen Bogen um kommerziell erfolgreiche Filme machen, entschieden sich mit ihrer Wahl erneut gegen den Publikumsgeschmack. Rein statistisch gesehen war der große Gewinner des Abends allerdings sowieso ein anderer Film. Gleich acht Lolas räumte der Österreicher Andreas Prochaska mit seinem düsteren Alpen-Western „Das finstere Tal“ ab - darunter die Silber-Lola in der Kategorie Spielfilm. Tobias Moretti nahm außerdem die Ehrung als bester Nebendarsteller entgegen. Weitere Preise gab es vor allem in kleineren Kategorien, unter anderem für Kamera, Maske, Kostüm und Filmmusik.

Mit der Entscheidung für Reitz würdigten die Akademiemitglieder ganz offensichtlich auch das jahrzehntelange Schaffen des Schöpfers der berühmten „Heimat“-Filmreihe. Sein jüngstes Werk erzählt die Vorgeschichte. „Die andere Heimat“ beleuchtet das Schicksal bitterarmer Menschen im Hunsrück Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie denken ans Auswandern nach Übersee und kommen doch oft nicht weit fort aus dem Dorf Schabbach. Gesprochen wird in dem teils sehr realistischen, teils poetischen Film fast ausschließlich Hunsrücker Platt.

Einen sehr emotionalen Moment gab es bei der Gala im Berliner Tempodrom, als der 69-jährige, krebskranke Regisseur Helmut Dietl („Schtonk“, „Zettl“) die Goldene Lola für sein Lebenswerk entgegennahm. „Danke, danke, danke! Bitte setzen Sie sich hin, sonst muss ich weinen“, meinte Dietl, als sich die 1800 Gala-Gäste respektvoll von ihren Plätzen erhoben. Dietl dankte ausdrücklich seiner Frau. Die Tatsache, dass er an diesem Abend auf der Bühne stehe, habe er ihrer Pflege in den vergangenen Monaten zu verdanken.

Dieter Hallervorden - für seine Rolle als Marathonläufer in „Sein letztes Rennen“ als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet - nutzte seine Dankesrede für eine kleine Abrechnung. „Für mich bedeutet der Preis eine große Genugtuung“, meinte er. Die Auszeichnung sei eine saftige Ohrfeige für Möchtegern-Kritiker, die ihn als Komödianten jahrzehntelang abgewatscht hätten. Zu Tränen gerührt war Jördis Triebel, die für ihre Leistung in der DDR-Fluchtgeschichte „Westen“ als beste Schauspielerin geehrt wurde.

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