Zetel Wie heißt es doch so schön im hiesigen Sprachgebrauch: Unkraut vergeht nicht! Dass diese Erkenntnis nicht nur für Flora und Fauna gilt, sondern ebenso für Künstler im Allgemeinen und eine außergewöhnlich kreative Epoche der deutschen Musikgeschichte im Besonderen, daran erinnern die Filmemacher Adele Schmidt und José Zegarra Holder in ihrem Dokumentarstreifen „Krautrock 1“, der in diesen Tagen in die Programmkinos kommt.

Die Ära des sogenannten „Krautrocks“, eine Art Sammelbegriff für die bunte und stilistisch vielschichtige deutsche Musikszene der Siebziger, erlebte vor 50 Jahren nicht nur Beginn und Blüte, sondern auch ihren kommerziellen Niedergang. Den immensen Einfluss auf spätere Entwicklungen wie Techno oder House hat diese Epoche dennoch nie verloren.

Ein exaktes Datum für erste Gehversuche einer eigenständigen deutschen Rockkultur gibt es nicht, zumal solche Quellen immer mit kleinen Rinnsalen beginnen. Eines jedoch lässt sich exakt bestimmen: Der Begriff „Krautrock“ machte erstmals 1969 die Runde, als der Münchner Schlagzeuger Peter Leopold den Song „Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf“ verfasste, ein dilettantisch-schepperndes Intro für das Debüt „Psychedelic Underground“ seiner Band Amon Düül. Die Medien hatten damit einen passenden Oberbegriff, mit dem sich die zunehmend stärker aufblühende Musiklandschaft zwischen Flensburg und Garmisch zusammenfassen ließ.

Allerdings rief dies auch Kritiker auf den Plan: „Mit dem Beginn der Kraut- oder Deutsch-Rock-Ära kam der große Bruch“, nörgelte beispielsweise das Fachmagazin „Sounds“, dem der bisweilen missionarische Eifer einheimischer Künstler, ihren anglo-amerikanischen Vorbildern eigene musikalische Duftmarken entgegenzusetzen, ein Dorn im Auge war: „Nicht nur, dass von nun an deutscher Bierernst in Konzertsälen Einzug hielt – nein, auf einmal war man vom Wahn besessen, Kunst zu machen. Von Spaß war nicht mehr die Rede. Ganz aus war’s dann, als sich die Plattenfirmen dieser sogenannten Kunst annahmen und alles in die Plattenläden karrten, was sich nur in Scheiben pressen ließ. Dem potenziellen Käufer kam das große Gähnen, und er wandte sich wieder englischen und amerikanischen Rockbands zu.“

Auch wenn die Kritik an der Verkaufspolitik einiger Plattenlabel gerechtfertigt schien und tatsächlich oft Masse vor Qualität gesetzt wurde, war es Ende der Siebziger eher das Einsetzen der Neuen Deutsche Welle, die der Krautrock-Ära den Garaus machte.

Dass diese Epoche zwar vergangen, aber mitnichten vergessen ist, belegen auch die Filmemacher Schmidt und Holder in ihrem mehr als zweistündigen Dokumentarwerk. Das Duo lässt unter anderen Hans-Joachim Roedelius von der Band Cluster über seinerzeit neue, elektronisch basierte und zu Beginn noch unbekannte Sounds berichten. Jaki Liebezeit und Irmin Schmidt von der Band Can kommen ebenso zu Wort wie die ehemaligen Kraftwerk-Mitglieder Michael Rother und Wolfgang Flür sowie Musiker von Faust oder Floh de Cologne. Sie alle erzählen von einer innovativen und experimentellen Szene, die heute als schillerndes Spiegelbild ihrer Generation gilt.

Das Jahrzehnt des Krautrocks endete schließlich mit einer natürlichen und durchaus erfreulichen Entwicklung, denn hiesige Bands waren zu ernsthaften globalen Mitbewerbern geworden. „Wir haben unsere rein deutsche Abteilung wieder aufgelöst, weil sie in dieser Form überflüssig geworden ist“, erklärte Willi Schlösser, Produktmanager der „Deutschen Grammophon“. „Entweder haben die Gruppen internationales Potenzial, dann braucht man kein spezielles Deutsch-Rock-Label. Oder sie sind schlecht, dann lohnt sich’s sowieso nicht, was für sie zu tun. Wir machen keine Unterschiede mehr, ob eine Band zufälligerweise aus Hamburg oder London kommt.“

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