Oldenburg Franz Kafka gilt bis heute als schwere Kost. Vielleicht hat sich für Schüler und Lehrer nun ein Weg aufgetan, die Lektüre zu erleichtern: Man arbeitet Literatur in Theater um, formt aus der Erzählung „Die Verwandlung“ ein 75-minütiges Stück, wie jetzt in der Exerzierhalle des Oldenburgischen Staatstheaters geschehen.

Schauspieler entern die kleine Bühne, setzen sich witzelnd zu viert an einen robusten Tisch, um eine Art von Leseprobe abzuhalten. Vorgetragen, einstudiert, geprobt wird Kafkas „Verwandlung“. Doch schon stutzen sie.

Und während sich die Vier dem Text nähern, verselbstständigt sich der Text mit ihnen: Die Vier werden zu Gestalten der Erzählung. Sie springen gelegentlich mal wieder in die Leseprobe zurück, werden aber im Grunde zu Figuren der berühmten, 1912 entstandenen Erzählung – der junge Mann zum armen Gregor Samsa, der sich eines Morgens zum ekligen Käfer verwandelt in der Schlafkammer wiederfindet, die kesse Frau zu seiner Schwester, Caroline Nagel zur grämlichen Mutter, der pummelige Typ zum Papa.

Gregor war vorm Ungeziefer der Ernährer der Familie. Sozusagen das fleißige Bienchen. Jetzt ist er nur noch Parasit im dreckigen Zimmer. Schon fallen Samsas Chef und die Familie verbal und sozial über das Tier her, besonders der Vater. Auf diese Weise erlangt das Wort Familienbande eine sehr wahre Bedeutung.

Sarah Bauerett, Caroline Nagel, Sebastian Hermann und Gilbert Miroph spielen und erklären das Absonderliche und Abseitige souverän und deutlich. Nichts wird vernuschelt oder weggeredet, jeder Satz sitzt in einem Bühnenbild, das hinten eine naturkundliche Wand mit aufgespießten Käfern in altertümlichen Holzkästen zeigt, während vorn schon mal der Gregor-Darsteller Sebastian Herrmann krabbelt und komisch guckt.

Die Aufführung hält sich ziemlich treu ans Original. Ihre Spannung rührt aus der Imagination im Kopf der Zuschauer, denn Regisseurin Krystyn Tuschhoff und Ausstatterin Uta Materne verzichten wohltuend darauf, dem Gregor in diesem gemilderten Albtraum auch noch ein Käferkostüm überzuwerfen.

Nicht ohne Humor (Papa hat nach 40 Minuten die Fliegenklatsche in der Hand) und mit ein wenig Lokalkolorit (Samsa war Berufspendler zwischen Hamburg und Oldenburg), unter Einsatz von Kamera, Musik und bis hin zum Vortag eines Referenten, der die Vorteile einer Käferausrüstung am Menschen erläutert, kommt dann ins Spiel, was unsere Fantasie wieder einengt. Denn es ist keineswegs ausgemachte Sache, dass Gregor – modisch gesprochen – ein frühes Opfer von Burnout ist, durch Druck in die Schande des Nutzlosen verwandelt.

Interpretationen der „Verwandlung“ gibt es zuhauf, darunter, wie oft bei Kafka, auch als Vater-Sohn-Konflikt. Einen Sinn hat die Aufführung, die vorrangig den Deutschunterricht der Region bereichern wird, indes allemal.

Man bekommt wieder Lust aufs Original. Aufs Lesen.

Karten:  t  0441/222 51 11

Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.