Frage: Das Theater Altenburg-Gera sucht gerade einen neuen Generalmusikdirektor. Unter den mehr als 100 Bewerbern waren nur drei Frauen. Warum gibt es so wenig Frauen am Dirigentenpult?
Pasquet: Den Beruf der Dirigentin gibt es noch nicht sehr lange. Diese Aufgabe war traditionell eine Männerdomäne. Das ändert sich gerade und es gibt inzwischen hoch angesehene Dirigentinnen, denken Sie an Simone Young und Joana Mallwitz.
Deutschland hat aber den Anschluss verpasst und hängt anderen Länder wie Finnland weit hinterher. Das liegt wahrscheinlich am Konservatismus hierzulande. Ich bin aber optimistisch, dass sich in diesem Bereich einiges zugunsten der Frauen ändert.
Frage: An den Zahlen Ihrer Hochschule lässt sich das noch nicht ablesen. 27 Studenten sind im Fach Orchesterdirigieren eingeschrieben, davon nur eine Frau.
Pasquet: Wir streben an, viele Dirigentinnen in Weimar zu haben. Aber die Aufnahmeprüfungen laufen so, dass nur die Besten einen Studienplatz bekommen. Beim letzten Mal war keine Frau gut genug für die Aufnahme.
Mir blutet da das Herz, aber bei der Prüfung sind wir gleich streng zu Frauen und Männern. Das sind wir den jungen Menschen schuldig, immerhin vertrauen sie uns die besten Jahre ihres Lebens an. Und wir wollen sie so fördern, dass sie in ihrem Beruf erfolgreich sind. Dass uns das gelingt, zeigt sich auch an erfolgreichen Absolventinnen wie Marie Jacquot, die Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein ist.
Frage: Das heißt, schon lange vor dem Gang an die Hochschulen müssen Frauen stärker für das Dirigieren begeistert werden?
Pasquet: Es ist zweifellos so, dass sich mehr Männer als Frauen für diesen Beruf interessieren: Nur etwa zehn Prozent der Bewerber für einen solchen Studienplatz bei uns sind weiblich. Dabei haben wir im Musikalischen sonst einen hohen Frauenanteil. Im Hochschulorchester haben wir zum Beispiel bei den Geigen etwa 80 Prozent Frauen. Fürs Dirigieren braucht es Mut und ausgeprägten Führungswillen, sich vor ein Orchester zu stellen und sich bei 100 erstklassig ausgebildeten Musikern durchzusetzen.
Es ist schon einmal gut, dass es heute für junge Mädchen weibliche Vorbilder am Dirigentenpult gibt, die mit Kraft ihr Können beweisen. Das kann ein Ansporn sein, diese Berufung für sich zu entdecken. Letztlich gehört aber auch Begabung dazu.
Frage: Wie können solche Begabungen bei Mädchen besser gefördert werden? Braucht es Quoten an den Hochschulen, um die Männerdomäne zu brechen?
Pasquet: Eine Quote fände ich diskriminierend. Letztlich müssen die Begabungen lange vor der Aufnahmeprüfung an der Hochschule entdeckt und gefördert werden. Hier haben die Schulen und Musikschulen eine große Verantwortung. Die Lehrer dort müssen mehr sensibilisiert werden, auch bei Mädchen stärker Begabungen fürs Dirigieren in den Blick zu nehmen. Schnupperkurse fände ich auch eine gute Idee, um solche Begabungen zu entdecken. Leider gibt es ansonsten bisher kaum konkrete Programme.

Nicolás Pasquetist seit dem Jahr 1994 Professor für Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und Chefdirigent des Hochschulorchesters. Er wurde 1958 in Montevideo in Uruguay geboren und studierte dort Violine und Orchesterleitung; später setzte er seine Studien in Stuttgart und Nürnberg fort. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitet er als freischaffender Konzertdirigent.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.