OLDENBURG Ein überdimensionierter Tisch und vier ebensolche Stühle stehen in einer riesigen Sandkiste. Das ist die Kulisse für „Avanti Infantilitanti“ von Marc Becker, dem Hausautor und -Regisseur des Oldenburgischen Staatstheaters. Mit der ausverkauften Uraufführung des Stücks wurde am Sonnabend in der Container-City an der Exerzierhalle das internationale Performance Arts Festival (Pazz) eröffnet. Die Zuschauer, warm eingemummelt in Wolldecken, werden für 70 Minuten Zeugen eines furiosen Kindergeburtstages, bei dem die Schauspieler ihrer Spielfreude, ihrer Lust am Chaos und Tohuwabohu freien Lauf lassen.

Kluge Ideen

Clemens (Vincent Doddema) hat Geburtstag, und das soll gefeiert werden mit Topfschlagen, Sackhüpfen, einer großen Torte und allem Drum und Dran. Seine Gäste sind Elisabeth (Sarah Bauerett), Hubert (Denis Larisch) und Günther (Gilbert Mieroph). Und damit auch die internationalen Gäste gleich im Bilde sind, werden sie auf Englisch von Kinderstimmen (Marie Becker, Lotte Mödden) vorgestellt. Eine niedliche Idee.

Überhaupt strotzt das Stück über den Jugendwahn nur so vor klugen und komischen Ideen. Mit einer geballten Ladung an Spielwitz wird die Spaßgesellschaft, die sich keiner Verantwortung für nichts und niemand bewusst ist, auf die Spitze getrieben.

Beim Kindergeburtstag in der Sandkiste geht es hoch her. Drei wild gewordene Jungs ballern als Kampfflieger durch die Gegend, ihr Wortschatz ist begrenzt: oik, oik, baff, baff. Jungs, Männer sind so – cool und stark. Wirklich? Etwas Ruhe kehrt beim Kuchenessen ein, aber nur kurz. Denn als Günther das Tortenstück von Elisabeth klaut, sind zunächst ein kapitaler Wutanfall und dann eine Kuchenschlacht die Folge, von der Zuschauer in der ersten Reihe nicht verschont bleiben. Hubert nimmt den Mund sehr voll, geht aus der Schlacht aber als Sieger hervor. Clemens ist das egal, er hat sich hinter einem Börsenblatt verkrochen. Günther hält stille Einkehr, erstaunlich, was der Mann mit seinen Lippen alles anstellen kann und wie ausdauernd er sich die Augen aus dem Kopf reibt. Elisabeth übt sich derweil im kultivierten Essen mit Stäbchen.

Rasantes Tempo

Vom Topf schlagen und Luftballon aufblasen, begleitet von Rockmusik (Peter M. Glantz und Jens Hasselmann), geht’s in rasantem Tempo zu den Doktorspielen auf der Reise nach Jerusalem und zum Sackhüpfen. Das endet in einer wilden Rangelei und weiteren Attacken gegen Günthers Schienbeine. Zurück bleibt Elisabeth als kreischendes, stammelndes Häuflein Elend. Mädchen, Frauen sind so: zart besaitet und zickig. Wirklich?

Das Wahnsinnstreiben gipfelt schließlich in zirzensischen Spielereien, (Vor-)Gaukeleien mit einer guten Portion schwarzem Humor. Günther macht den Seehund – heppa –, und zum großen Finale gibt’s rhythmisch ordentlich was auf die Mütze: uh, ah, tralala, hupsi, hupsi, ja, ja. Das ist nur noch durch den Riesenteddy zu toppen, der zum grandiosen Schluss zwischen den Containern aus der Deckung kommt – heppa!

Was hatte Festivalleiter Thomas Kraus noch bei der Eröffnung des Festivals gesagt? Theater sei ein anstrengendes und leidenschaftliches Gemeinschaftswerk. Die Inszenierung von „Avanti Infantilitanti“ trat dafür gleich den Beweis an.

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Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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