BERLIN

Redaktion Berlin BERLIN - Der Streit um die umstrittene Rückgabe des Gemäldes „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) kocht wieder hoch. Bereits eingestellte Ermittlungen gegen den ehemaligen Kultursenator Thomas Flierl (PDS) und seine damalige Staatssekretärin Barbara Kissler wegen des Verdachts der Untreue sind wieder aufgenommen worden. Ein neu aufgetauchtes Schriftstück legt nahe, dass die ersatzlose Herausgabe des Werkes falsch war.

Im August 2006 hatte Flierl das Gemälde den in den USA lebenden Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Hess überlassen. Seit 1980 hatte es im Berliner Brücke-Museum gehangen. Das Land Berlin hatte das Gemälde damals für umgerechnet 800 000 Euro erworben. Am 8. November 2006 hatten die Hess-Erben bei der Versteigerung des Bildes in New York einen Preis von fast 30 Millionen Euro erzielt.

Bei der jüngsten Sitzung des Sonderausschusses „Restitution“ des Berliner Abgeordnetenhauses hatte der Vorsitzende des Freundeskreises des Brücke-Museums, Ludwig von Pufendorf, dargelegt, dass die Erben des jüdischen Sammlers seiner Ansicht nach keine Rechte am 1913 entstandenen Werk hätten. Die Rückgabe sei mithin ungesetzlich erfolgt. Laut Pufendorf sei die Firma des Erfurter Schuhfabrikanten und Sammlers Alfred Hess bereits Ende der 20er-Jahre zahlungsunfähig gewesen, weshalb Hess schon damals mit dem Verkauf von Teilen seiner Sammlung begonnen habe. Zwei Jahre nach Hess’ Tod 1931 habe dessen Witwe Thekla die Gemäldesammlung in die Schweiz gebracht, weil sie auf einen höheren Erlös hoffte. Letztlich sei die „Straßenszene“ aber 1936 in Köln an den Industriellen Carl Hagemann für 3000 Reichsmark verkauft worden. In Zürich habe man der Hess-Witwe nur die Hälfte geboten.

Dem Sonderausschuss legte Pufendorf die Kopie eines Schriftstücks von 1961 vor, aus dem hervorgeht, dass Hess-Sohn Hans einen 1957 gestellten Rückgabeantrag zurückgezogen habe. Grund: Der „Entziehungstatbestand“ sei nicht zu beweisen.

Pufendorf wirft Flierl und Kissler nun vor, diese Verzichtserklärung ignoriert zu haben. Mit dieser Begründung konnte er auch die Oberstaatsanwaltschaft Berlin dazu bringen, die Wiederaufnahme der bereits eingestellten Ermittlungen gegen Flierl und Kissler anzuordnen.

„Wir sind nach wie vor der Meinung, dass das Bild zu Recht zurückgegeben wurde“, so ein Sprecher von Berlins neuem Kulturstaatssekretär André Schmitz auf Nachfrage. Bis Ende 2007 hat das zwölfköpfige Gremium Zeit zu prüfen, ob bei der Rückgabe alles rechtens war.

Flierl gehört dem Senat nicht mehr an. Barbara Kissler leitet als Staatssekretärin inzwischen die Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD).

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