Berlin (dpa) - Der derzeit wichtigste Mann im Staat erscheint leicht verspätet. Um 18.46 Uhr, 6 Minuten hinter dem Zeitplan, betritt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitagabend zusammen mit seiner Frau Elke Büdenbender das Berliner Luxushotel Adlon am Brandenburger Tor.

Es ist sein erster Bundespresseball als Staatsoberhaupt. Und das in politisch turbulenten Zeiten einer Regierungsbildung, die zunächst gescheitert ist und von Steinmeier nun in eine neue Richtung gelenkt werden soll.

Der Bundespräsident zeigt sich von dem Trubel im Adlon und den politischen Querelen aber wenig beeindruckt. Ein Wangenkuss für die Schauspielerin Jasmin Tabatabai vor der Fotowand der Sponsoren, dann lotsen ihn die Leibwächter an allen Mikrofonen vorbei Richtung Dinnersaal die Treppe hinauf. Unterwegs großes Hallo mit den journalistischen Fernsehgrößen von ARD und ZDF, Ulrich Deppendorf und Peter Frey.

Im Saal am Bundespräsidententisch schließlich entspanntes Rumstehen, linke Hand in der Hosentasche, Champagnerglas in der rechten. Aber das einzige, das die wartenden Journalisten hören, ist ab und zu das dröhnende Steinmeier-Lachen: "Hahaha".

Kein Wort zum gescheiterten Jamaika-Bündnis, kein Wort zu seiner indirekten Aufforderung an die SPD, ihre Weigerung aufzugeben. Das sonst beim Bundespresseball obligatorische Interview mit dem Lokalsender RBB fällt aus. Keine Politik - so die Botschaft des Bundespräsidenten an einem Abend, der zeitlich eingebettet liegt zwischen zahlreichen Gesprächen mit Partei- und Fraktionsvorsitzenden potenzieller Regierungsparteien.

Ganz anders der Rest der Politik- und Medienszene Berlins. Selten war das Politische so sehr Thema bei den Presseball-Interviews und -gesprächen mit dem erschienenen Führungspersonal der Republik. Die Auskunftsfreude ist allerdings unterschiedlich. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil antwortet freundlich auf alle Fragen zu einer nun doch wieder möglichen Koalition mit CDU/CSU - und sagt dabei nichts außer: "Es gilt jetzt die Dinge zu sortieren." Dann müsse man weitersehen.

Anders SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. "Jetzt wird erstmal gefeiert und dann warten wir, was Frau Merkel einfällt", meint sie. "Jetzt müssen wir mal gucken, was die uns für Angebote machen." Zypries betont: "Reden ist immer gut. Alles andere bringt einen nirgends weiter." Die derzeitige Entwicklung zu Gesprächen mit Steinmeier und dem bisherigen Koalitionspartner sei "ganz in meinem Sinn", gibt sie zu. 

Die Grünen, gedanklich gerade wieder in der wenig geliebten Opposition angekommen, schieben den Frust beiseite. "Das tut uns nach den vier Wochen im Tunnel mal ganz gut, nicht nur Leute aus den Sondierungsgruppen zu sehen", sagt der Parteivorsitzende Cem Özdemir. "Und morgen haben wir schon wieder Parteitag. Bis in die Puppen geht leider nicht. Und an wem es lag, weiß ja jeder." Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne), in einem weinroten Glitterkleid, sagt: "Man muss wieder mal zu sich finden." Tanzen müsse sie jetzt mit den Sondierungspartnern nicht auch noch.

Die Buhmann-Partei FDP gibt sich dagegen entspannt und pragmatisch. Wolfgang Kubicki, zweiter Sondierer hinter Parteichef Christian Lindner, sagt: "Ich gehe davon aus, dass die Sozialdemokraten nach einer Überlegensphase von 14 Tagen auf ihrem Parteitag zustimmen werden, dass Koalitionsverhandlungen aufgenommen werden. Bei der Gemengelage, die wir gerade haben, ist das auch gut so."

Als FDP-Freund outet sich auch Modemacher Guido Maria Kretschmer, der ganz offen trauert. Schauspielerin Uschi Glas sieht dafür ganz Europa wegen der unklaren Situation verunsichert und setzt ihre Hoffnung auf Angela Merkel. "Ich bin ein großer Fan von ihr."

Feiern statt debattieren wollen die Führungsfrauen der Linken, Katja Kipping und Caren Lay, die ebenso wie Schauspielerin Tabatabai ein schwarzes durchsichtiges Spitzenoberteil trägt.

Kanzlerin Angela Merkel und der SPD-Vorsitzende Martin Schulz fehlen unter den mehr als 2000 geladenen Gästen. Abwesend ist trotz Einladung auch die AfD. Offenbar will man sich nicht unmittelbar nach dem Einzug in den Bundestag champagnertrinkend mit den etablierten Parteien und der verhassten Presse blicken lassen.

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