Oldenburg Oldenburgs Kulturgeschichte erreichte in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen unvergleichbaren Höhepunkt, als die Vereinigung für junge Kunst ihr Programm entfaltete. Sie war 1922 von dem Juristen Ernst Beyersdorff gegründet und bis zu ihrer Auflösung im Frühjahr 1933 geleitet worden. Ihm gelang es, international angesehene moderne Künstler, die beliebtesten Tänzerinnen und Tänzer, die gefragtesten Schriftsteller und zahlreiche anerkannte Wissenschaftler zu Veranstaltungen nach Oldenburg zu holen.

Wer war dieser Ernst Beyersdorff ? Dieser Frage gehen das Oberlandesgericht und das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in zwei miteinander verbundenen Ausstellungen nach. Das Oberlandesgericht zeigt auf Schautafeln die Etappen der Biografie von Beyersdorff, der 1885 in Oldenburg geboren wurde, am Alten Gymnasium lernte, dann Jura studierte und nach den Ausbildungsjahren Johanna Elisabeth Brandstätter (1896–1985) in Oldenburg heiratete.

Als Jurist in verschiedenen Positionen tätig, nahm er gleichzeitig am kulturellen Leben der Stadt teil, wurde Mitglied des Kunstvereins und 1909 der Künstlervereinigung „Brücke“. Diese ermöglichte ihm den Erwerb zahlreicher Kunstwerke der Brücke-Künstler, mit denen er Freundschaft schloss. Beyersdorff machte als Jurist eine normale Karriere, als Freund und Förderer der Künste gründete er 1922 aus Unzufriedenheit mit den Ausstellungen in Oldenburg die „Vereinigung für junge Kunst“. Hier setzt die Ausstellung des Landesmuseums ein: Mit intensiver Recherche nach Spuren der Entwicklung des Kunstverständnisses von Beyersdorff wurde seine frühe Leidenschaft für das Theater, aber auch seine kritische Beobachtung der Ausstellungen etwa in Notizen in Katalogen belegt. Seine Kenntnisse der modernen Kunst befähigten ihn, die Vereinigung für ein Jahrzehnt auf ein Niveau zu führen, das einer Großstadt würdig war.

Der NS-Staat zerstörte diese Arbeit, Beyersdorff wurde als „Halbjude“ drangsaliert. Oberlandesgericht und Museum zeigen mit Dokumenten die Schwierigkeiten des wiederholt vorübergehend aus dem Justizdienst entfernten und wegen seines kulturellen Engagements als nicht eben fleißig bezeichneten Juristen. Krank gegen Ende des Krieges mag er sogar auf die Deportationsliste gelangt sein; sein Besitz war schon registriert.

Er überlebte das Ende der Terrorherrschaft und wurde von der britischen Besatzungsmacht als Landgerichtsdirektor eingesetzt. Doch schon 1952 verstarb er, nachdem er sich noch intensiv für die Wiederbelebung des Kunstvereins engagiert hatte.

Das Landesmuseum zeigt die Stiftung an Kunstwerken, die – soweit erhalten oder später ergänzt – 1984 dem Museum geschenkt worden war. Darüber hinaus hat sich das Landesmuseum um den Erwerb von Bildern und Grafiken bemüht, die aus dem Umfeld des Sammlers Beyersdorff gelegentlich auf Auktionen angeboten worden sind. Beide Ausstellungen bestechen durch ihre fachgerechte Aufarbeitung eines ungewöhnlichen und außerordentlichen Lebens.

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