Frage: Herr Kunze, wie geht es Ihnen in Corona-Zeiten?

Kunze: Ich fühle mich, wie viele andere Künstler und Kulturschaffende auch, vom Staat im Stich gelassen. Da es keine starke Gewerkschaft von Künstlern und Veranstaltern gibt, stehen wir immer hinten an, wenn es eng wird. Wie mein Freund Purple Schulz schon sagt: Nächstes Jahr um diese Zeit wird es die Hälfte von uns nicht mehr geben, wenn es so weitergeht. Nachdem ich meine große „Der Wahrheit die Ehre“-Tour verschieben musste, versuchen wir nun kleinere Konzerte mit meinem Soloprogramm zu realisieren. Ich möchte dieses Jahr unbedingt spielen und ich denke, auch die Menschen da draußen vermissen Konzerte, Lesungen und andere Formen von Kultur.

Frage: Wofür steht der Titel Ihres neuen Albums „Der Wahrheit die Ehre“?

Kunze: Ich bin bestimmt nicht der Einzige. Vielen Menschen dürfte es so gehen, dass man den Eindruck hat, die Wahrheit ist in Gefahr und wird von allen Seiten bedroht. Von den tollwütigen Kreaturen, die in manchen Ländern an der Macht sind, von Fake-News, von Lügen und Propaganda, von Hysterien und Ideologien. Der vernünftige Austausch von Meinungen und das gemeinsame Ringen um die Wahrheit haben es heutzutage schwer, weil wir in einer hysterischen Zeit leben, in der man die Argumente anderer Menschen nicht mehr anhört, sondern sich in einem Brüllwettbewerb durchsetzen will. Wer am lautesten brüllt, hat gewonnen. Die Wahrheit ist überall in Gefahr.

Frage: Aber sind wir nicht ein Teil des Ganzen und machen da rmit? Stichwort Social Media. Gibt es deswegen das Lied „Spießgesellen der Lüge“?

Kunze: Ganz genau. Wir alle sind Spießgesellen der Lüge. Da heißt es: ‚Wir sitzen alle im selben lecken Boot und feilschen, bis der Arzt kommt mit dem Tod‘. Wir sind Teil des dreckigen Zusammenhangs, und nicht ohne Grund habe ich diesen Song beim Warten in der Garderobe einer TV-Sendung geschrieben.

Frage: Es soll ein Album voller Hymnen sein. Was würden wohl Noel Gallagher oder Richard Ashcroft dazu sagen?

Kunze: (lacht) Sie würden sagen ‚Been there, done that‘, also ‚Haben wir eh schon gemacht‘. Im Ernst: Der Satz mit den Hymnen stammt nicht von mir, das hat jemand gesagt, dem das Album gefällt und der ganz tief in die verbale Kiste gegriffen hat. Es gibt nur drei Hymnen auf dem Album, nämlich „Mit welchem Recht“, das sich so deutlich wie noch nie über die Flüchtlingsfrage Gedanken macht, „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort“ und „Die Zeit ist reif“. Diese Songs fassen unsere Sorgen zusammen, alle anderen Lieder sind spezieller. Es befinden sich jedenfalls keine Schlagertitel auf der CD, die wir mit dem Schielen gemacht haben, damit wir in den Sendungen auch vorkommen.

Frage: Ist das Album auch eine Art Befreiung?

Kunze: Schon. Ich hätte dieses Album schon jahrelang machen können, es war nur eine Frage der Selektion. Ich habe jetzt die Texte rausgesucht, die ein stimmiges Gesamtbild abgeben. Bei den letzten Platten war das nicht so, da waren ein, zwei Stücke dabei, die versucht haben, einen Fühler auszustrecken nach einer Welt, die uns eigentlich gar nicht behagt.

Frage: Spielen Sie „Dein ist mein ganzes Herz“ noch gern?

Kunze: Gegenfrage: Hat Klaus Meine von den Scorpions noch Lust, jeden Abend zu pfeifen (bei „Wind Of Change“)?

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