OLDENBURG In einer Szene dieses Lustspiels will sich Marianne aufhängen. Sie ist verzweifelt, weil ihr verbohrter Vater Orgon sie dem heuchlerischen Tartuffe versprochen hat. Schon schiebt sich Schauspielerin Kristina Gorjanowa hübsch stöckelnd einen Tisch zurecht, nestelt am Halstuch, wirft ein Ende des Stoffes über den Kronleuchter und erkennt plötzlich, ganz Dame, dass sie nach all der Knoterei nicht mehr ihre goldige Handtasche am Boden erreicht. Ein urkomisches Zerren und Zupfen beginnt.

Augen wie Scheunentore

Ist Regisseur Marc Becker der Frauenversteher des Staatstheaters? Zumindest versteht er es, die Komik von Molières „Tartuffe“ im Kleinen Haus auf feine, überspitzte Art ausspielen zu lassen. Becker nimmt das französische Stück um einen Schmarotzer und Scheinheiligen, der eine reiche Familie in den üblen Griff bekommt, ernst. Aber er rekonstruiert das Drama nicht historisch oder erstickt es mit billiger Aktualisierung. Wichtiger sind Becker die Figuren. Sagen wir lieber: deren Macken.

Orgons Mama (Anna Steffens) zuckt nervös mit dem Kinn. Orgon (Gilbert Mieroph) steht schon mal spleenig schief oder hypermotorisch herum. Tochter Mariane reißt die Augen wie Scheunentore auf. Michael Pietsch würde als Valère jeden Wettbewerb im Dummgucken gewinnen. Die Komik vermehrt ein erschütternder Hausgong, der von Auftritt zu Auftritt ertönt. Fröhlich und temporeich zieht man zudem alle Register der Commedia dell’arte.

Im zeitlos kargen Bühnenweiß wirken die opulent kostümierten Gestalten lange gelangweilt. Offenbar haben sie ihre Brötchen nie selbst verdient. Die dekadenten Köpfe scheint es nur zu geben, damit die wahnwitzig getürmten Haartollen ihren Platz finden.

Gespielt wird in der flotten Übersetzung von Wolfgang Wiens. Becker hat die Frömmelei Tartuffes gemildert, dafür dessen kriminelle Energie erhöht. Und er hat für einen gehörigen Abstand zum Text gesorgt. Anders gesagt: Nichts ist einfach so, wie es gesagt wird.

Schleimiger Kerl

Orgon und Konsorten ironisieren ihr Tun, lachen über gequetschte Reime, veralbern sich, treten putzig neben ihre Rollen, säuseln im knallroten Kitschlicht, streifen rüstig den Klamauk. Das Seltsame daran: Es zerstört nicht witzelnd die Komödie. Es unterhält. Zugucken macht Spaß. Und wenn am Ende nach 90 pausenlosen Minuten nicht ein König, sondern ein strumpfhosiger Supermann auftaucht, auf dessen Rücken „Komödienretter“ steht, lachen alle. Schon hat Becker gewonnen.

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Thomas Lichtenstein spielt den vollschleimigen Tartuffe. Wunderbar, wie er vollmundig Askese predigt. Zum Erfolg tragen alle bei, besonders Caroline Nagel als Zofe mit Mutterwitz (trotz Schulterverletzung und Armschlinge: einwandfrei) und Gilbert Mieroph als stutziger Orgon.

Zwischen Molières Drama und unserer Zeit klaffen fast 350 Jahre. Sie nicht zu spüren ist ein Verdienst dieser Inszenierung. Tüchtiger Beifall.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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