Oldenburg Drei Spielzeiten lang hielt das Oldenburgische Staatstheater einen Fuß in der Tür des Fliegerhorstes als außergewöhnliche, äußerst beliebte Spielstätte. Nun öffnet sich der Vorhang ein allerletztes Mal. „Der Kirschgarten“ nach Anton Tschechow (1860–1904) wird wieder aufgenommen und viermal gezeigt, bevor sich das Tor an der Alexanderstraße in Oldenburg für Theaterbesucher endgültig schließt.

Erblüht war „Der Kirschgarten“ erstmals vor drei Jahren. Damals war der Fliegerhorst dem Staatstheater als Wahlheimat in der Saison 2010/2011 ans Herz gewachsen, während das Große Haus saniert wurde. „Der Kirschgarten“ sollte seinerzeit den krönenden Abschluss bilden. Das gelang. „Eine Sternstunde, die Schauspieler eine Wonne, der Ort eine Freude“, hieß es dazu in dieser Zeitung.

Der Erfolg war so groß, dass der „Kirschgarten“ die Wahlheimat überlebte. Während in der großen Industriehalle 10 auf dem Fliegerhorst tatsächlich der Vorhang für immer gefallen war, blieb „Der Kirschgarten“ erhalten. Das ging, weil das Stück im Ballsaal des ehemaligen Offizierskasinos gespielt wurde. Dort, neben verlassenen Bars, Kaminzimmer und Kegelbahn wurde der „Kirschgarten“ von Tschechow unermüdlich verkauft und abgeholzt, um einer neuen Zeit Platz zu machen.

Wo zu Zeiten des Kalten Krieges die Soldaten ihre Bälle gefeiert hatten, schlossen in den vergangenen drei Jahren Anna Steffens als verarmte Gutsbesitzerin und Bernhard Hackmann als ihr Bruder die Augen vor dem finanziellen Kollaps. Zusammen mit den Schauspielern René Schack, Hanna Franck, Kristina Gorjanowa, Daniel Fries und Vincent Doddema beschrieben sie in Partylaune den Niedergang einer Adelsfamilie.

„Die Figuren sind den Schauspielern längst ans Herz gewachsen“, weiß Dramaturg Matthias Grön. Nun nimmt das Ensemble nicht nur Abschied vom Kirschgarten, sondern auch vom Ensemble selbst. Denn von den Mitwirkenden wird nur Bernhard Hackmann dem Staatstheater erhalten bleiben.

Dass ein Stück so lange gespielt wird, kommt nicht häufig vor. Dramaturg Matthias Grön schätzt, dass die Komödie bestimmt über 50 Mal gezeigt wurde. „Und immer ausverkauft war“, wie er sagt. Kein Wunder, denn nur 75 Zuschauer finden auf den harten Holzstühlen Platz, die sich an den           Rand des Ballsaals schmiegen.

„Die Fensterläden werden von außen geschlossen und zugenagelt“, schrieb Anton Tschechow in der Regieanweisung für sein letztes Stück im Jahr 1904. Regisseur K. D. Schmidt entwickelte zwar eine eigene Fassung – mit weniger Figuren und persönlicher – die Fensterfront aber ließ auch er verhüllen.

So sehen die Zuschauer nicht, wie sich die Natur in den vergangenen Jahren den Fliegerhorst langsam zurück erobert hat und Gras über den kleinen Garten beim Offizierskasino gewachsen ist. „Das müssen wir wohl noch mähen, bevor wir hier mit dem Ensemble ein letztes Mal feiern“, meint Matthias Grön, als er einen Blick nach draußen wirft.

Es soll wie ein Scherz klingen, doch die Wehmut überwiegt. Denn nicht nur der „Kirschgarten“ wird ab der kommenden Spielzeit Geschichte sein. Sondern auch das Offizierskasino als Probebühne. „Aus Kostengründen“, sagt Matthias Grön: „Die Heizungsanlage ist einfach zu teuer.“ Wie schrieb Tschechow noch? „Die Stille bricht herein.“

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