Bremen Ein altmodischer Holzschnitt, ein rätselhafter Lederbeutel am Gürtel – es sind bisweilen die kleinen Dinge, die unscheinbaren Details, die in der Rockmusik zu großer Bekanntheit führen. Die britische Rockband Jethro Tull hat es vorgemacht, 1969, als sie ihr zweites Album „Stand Up“ herausbrachte. Auf dem Umschlag war die Gruppe abgebildet, verewigt als mittelalterlicher Holzschnitt, und irgendwo in dem Gewimmel von Händen, Beinen und Hosen sah man diesen Lederbeutel. Das Interesse der wissbegierigen Jugend in den umrauschten 1960er Jahren war geweckt.

Natürlich kann ein Lederbeutel, der damals die Vermutung, hier seien aber gewiss illegale Substanzen zu finden, ins Kraut schießen ließ, nicht dauerhaften Erfolg garantieren. Dafür steht eher Ian Anderson, der Mann, der das kleine Säckchen auf dem Plattencover-Holzschnitt am Gürtel trug. Anderson, mittlerweile 65 Jahre alt, bürgt vielmehr für musikalische Kompetenz in Sachen Rock – und ihm gebührt die Ehre, die Querflöte als stilbildendes Instrument in die Popmusik eingeführt zu haben. Dafür liebten ihn zunächst die Gymnasiasten und bald darauf Millionen von Fans.

Mit großen Orchestern

Eigentlich logisch, dass Ian Anderson bis heute die einzige Konstante in Jethro Tull ist. Die Mitglieder der 1967 in Blackpool gegründeten Gruppe wechselten dagegen in teils abenteuerlicher Geschwindigkeit. Es war eben nicht einfach, den hohen Ansprüchen des querflötenden Schotten zu folgen. Was in den Anfängen von Jethro Tull (benannt nach einem erfinderischen Landwirt des 17. Jahrhunderts) noch Bluesrock war, wandte sich unter Andersons dominantem Einfluss schnell dem artifiziellen Rock zu, mit starken Anleihen bei Jazz und Klassik; am berühmtesten ist Tulls Interpretation des „Bourrée“ von Johann Sebastian Bach.

Mehr noch: Die einfache Songstruktur reichte Anderson bald nicht mehr, Konzeptalben mussten es sein, die ein Thema über eine längere Strecke hinweg aufnahmen und weiterentwickelten. Das brachte Jethro Tull bisweilen Kritik aber auch Lob ein – und die Anhängerschaft folgte der Band sowieso in fast jede Richtung. Denn was der Musik nie fehlte, war die Querflöte, jenes filigrane Instrument, dass den Stil der Band in rockigen wie in balladesken Momenten so unverkennbar macht.

Anderson pflegte sie vorzugsweise auf einem Bein stehend zu spielen und nutzte zudem die Möglichkeiten, die dem Musiker das Überblasen des Flötenmundstücks boten, weidlich aus. Auf einzigartige Weise passt diese Spielweise ideal zu seinen dynamischen, oft den Takt und die Stimmung wechselnden Songs.

Dass sich Anderson besonders in den vergangenen Jahren gern der Unterstützung von großen Orchestern (u.a. Neue Philharmonie Frankfurt) bediente, um das Soundspektrum nochmals zu erweitern, passt in das Bild dieses vielseitigen Künstlers.

In der langen Karriere von Ian Anderson und Jethro Tull sind über 30 Alben (solo und Gruppe) erschienen, darunter weltberühmte wie „Aqualung“ (1971), „Thick as a brick“ (1972) oder „Too old to rock’n’roll, too young to die“ (1976). Jahreszahlen, die belegen, dass die Band in den 1970ern ihre Hochzeit erlebte, die aber seit der Renaissance des „Prog Rock“ Mitte der 1990er Jahre immer noch und damit genau zum rechten Zeitpunkt wieder da war.

Lederbeutel ausgedient

Und die stets gut besuchten Konzerte zeigen, dass Ian Anderson auch an der Schwelle zur Rente sein Können als Flötist, Gitarrist und Sänger nicht verloren hat. Begleitet von einer Liveband, die die vertrackten Kompositionen des Briten sauber und druckvoll aufführen kann, sind die Auftritte Jethro Tulls heutzutage weit entfernt von einer nostalgischen Musikshow.

Das wird im Mai bei der aktuellen Deutschlandtour zu sehen sein (siehe gelben Infokasten), in deren Mittelpunkt das Erfolgsalbum von 1972, „Thick as a brick“, und dessen zweiter Teil von 2012 stehen werden. Ian Anderson öffnet dann, ganz schottischer Gentleman, der er ist, wieder einmal die Tür ins musikalische Universum von Jethro Tull.

Nur der Lederbeutel aus den Anfangsjahren, der hat ausgedient. Von Hilfsmitteln hält Anderson nämlich gar nichts.

Klaus Fricke
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