HANNOVER Die Band aus Hannover steckte in der Krise. Doch das neue Album überzeugt.

von Matthias Mineur

Die Krise der Hannoveraner Hardrock-Band Scorpions begann vor über 15 Jahren. Die Gruppe feierte 1990 mit dem Radiohit „Wind Of Change“ den größten Erfolg ihrer Laufbahn, der darüber hinwegtäuschte, dass das dazugehörende Album „Crazy World“ ein eher mittelmäßiges Werk war.

Danach schlitterte die Band fast übergangslos in die schwierigste Phase ihres musikalischen Daseins. „Plötzlich wurde traditioneller Rock, so wie wir ihn spielen, komplett in Zweifel gezogen“, erinnert sich Leadgitarrist Matthias Jabs. „Grunge und Nirvana waren cool. Immer öfter fragten uns Journalisten: Wie lange wollt ihr es denn noch machen? Das verunsicherte uns natürlich.“

Bis dahin waren goldene Schallplatten an der Tagesordnung gewesen, Anfang der 90er-Jahre blieben sie plötzlich aus. Die beiden Alben „Face The Heat“ 1993 und „Pure Instinct“ 1996 hielten noch am konventionellen Konzept fest, soffen aber im sich rasant verändernden Zeitgeist fast ab. Dann kam 1999 „Eye II Eye“, ein künstlerischer Offenbarungseid. Die Band machte auf modern und griff mit dem deutschsprachigen Stück „Du bist so schmutzig“ sogar richtig daneben. „Man muss sich als Künstler immer an die äußerste Grenze dessen wagen, was man den Leuten zumuten kann. Sachen sind erst richtig gut, wenn die Leute kurz davor sind, das Radio auszuschalten“, erklärte Bandgründer Rudolf Schenker die Intention der Scheibe und resümierte: „Man muss Mut zum künstlerischen Risiko haben und die Zuhörer notfalls auch provozieren wollen.“

In der Presse wurden die Musiker mit Häme und Schelte überhäuft. Jabs nennt „Eye II Eye“ heute „den besten Fehler, den wir je gemacht haben“. Denn nur so konnte die Band lernen, was überhaupt nicht zu ihr passt. „Die Scheibe war an sich zwar gut gedacht, wurde am Ende aber Grütze.“ Klare Worte eines ehrlichen Mannes.

Mit dem überraschend zeitgemäßen Konzeptwerk „Humanity – Hour I“ (Ariola) wagen sich die Scorpions jetzt in ein für sie neues Terrain. Aber sie überzeugen mit ihrem besten Album seit zehn Jahren.

Im Oktober 2006 begann eine vier Monate dauernde Arbeit in Los Angeles, bei der Ideen der Scorpions mit dem Material unterschiedlicher Fremdkomponisten abgeglichen, ergänzt oder zusammengefügt wurden. Am Ende steht nun ein Album, das aufgrund seiner Vielseitigkeit und Komplexität verblüfft.

Plötzlich, so scheint es, schaffen die Hannoveraner den Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen eigener Handschrift und zeitgemäßen Einflüssen. Dabei behauptet Jabs: „Eigentlich wissen wir gar nicht, was zurzeit modern ist.“

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