OLDENBURG Der Chor der thebanischen Greise besteht aus elf barfüßigen Mädchen in weißen Hemdchen. „Wir alle liegen dir zu Füßen“, sagt Ödipus dem blinden Seher Teiresias und grinst kumpelhaft ins Publikum. Er grinst viel, der Ödipus-Darsteller Vincent Doddema. Wenn er nicht gerade mit den Armen fuchtelt, das Gesicht nervös verzieht oder wie ein aufgescheuchtes Huhn rumstolziert. Derlei ist zu betonen, weil es sich bei „König Ödipus“, der Titel steht mutig auf dem Programm, um eine total ernste Tragödie des Sophokles handelt. Gewiss, sie ist mit fast 2500 Jahren gut abgehangen. Aber aufknüpfen, wie in Oldenburg, muss man sie nicht.

Die Geschichte des armen Ödipus, der furchtlos die Wahrheit eines fremden Vergehens aufdeckt und auf grausige Art auf seine eigene Geschichte stößt, auf die eines Mannes, der als Kind weggeben wurde, später unwissentlich seinen Vater erschlägt, seine eigene Mutter heiratet und mit ihr Kinder zeugt, ist oft aufgeführt worden. Aber nur selten wie zum zweistündigen, pausenlosen Saisonauftakt im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters auf total karger Bühne.

Popmusik mit Klampfe

Doddema spielt in Albrecht Hirches Inszenierung den Ödipus als Hampelmann. Er spricht mal annähernd witzig wie Günther Jauch beim Ratespiel, guckt auf sein Handy, hüpft auf einem Bein. Und während der Chor der Mädels unter Anführerin Rika Weniger sinnentleert in die Runde rennt, holt Kreon, der Bruder der Königin, die Klampfe raus und singt ein Liedchen frei nach Peter Frampton: „Baby I Love Your Way“.

Lieder gibt es noch öfter, meist dann, wenn man (nicht ganz zu unrecht) befürchtet, das Publikum könne erlahmen. Das Singen, Rumhampeln, Ablenken geschieht unterhaltsam, ja, Kreon-Sänger Thomas Birklein darf von einem Liederabend träumen. Aber warum man so etwas mit einer griechischen Tragödie macht? Ganz einfach: Man misstraut dem Publikum. Man glaubt, dass ein alter Text nicht mehr fesselt.

Deshalb spielt der Chor einen Fan-Club des Kreon, deshalb wedeln die Mädels mit Fähnchen, deshalb intoniert der Chor „Killing Me Softly“. Iokaste, die Frau und gleichzeitig ja Mutter des Ödipus, ist in Oldenburg übrigens keine Frau, sondern mit Denis Larisch ein rumstöckelnder Mann in Frauenklamotten. Das wiederum ist Nachhilfeunterricht für Gebildete, denn von den drei männlichen Schauspielern der Antike wurde auch die Frauenrolle übernommen.

Hilflose Regie

Es lebe die Spaßgesellschaft? Tragik funktioniert kaum im Verblödeln. Sicher, man bekommt den Text klar geliefert, weil die Übersetzung von Peter Krumme voll verständlich ist. Aber unvermitteltes Einradfahren, Handstand-Üben oder Mineralwassertrinken zeugen von hilfloser Regie. „König Ödipus“, ein genialer dramatischer Reißer, müsste in Oldenburg eigentlich Blödipus heißen.

Karten: 0441/22 25 111

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Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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