Hamburg Es gibt Filme, die unter dem Ruf ihres Regisseurs leiden. Das Spätwerk von Woody Allen fällt unter diese Kategorie. So war die amerikanische Filmkritik wenig erbaut über Allens Marotte, in „Wonder Wheel“ (ab 11. Januar in deutschen Kinos) einen angehenden Dramatiker als Erzähler durch eine Geschichte führen zu lassen, die – mit literarischen Referenzen vollgestopft – im Kern eine katastrophische Dreiecksgeschichte erzählt.

Der Film dreht sich um Mickey, der sich während der Semesterferien am Strand von Coney Island als Rettungsschwimmer verdingt. Dort beginnt er eine Affäre mit der verheirateten Ginny, kommt aber bald auch Carolina näher, der Tochter von Ginnys Ehemann Humpty.

Eine Schießbude

Doch obwohl die Parallelen zu Woody Allens skandalgeplagtem eigenen Leben unübersehbar scheinen, lohnt es sich, den biografischen Ballast einmal beiseitezuschieben.

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Denn Allens Alter Ego ist die uninteressanteste Figur des Films. Justin Timberlake spielt diesen Verführer ohne Düsternis wie einen, den nicht zuletzt seine exaltierte Position fast ohne eigenes Zutun in eine Situation schlittern lässt. Die große Lüge, die ein solches Selbstporträt darstellt, reflektiert dieser kluge, im Dienst der Armee weit gereiste Mann allerdings nicht.

Doch unten am Sand, zwischen den prallen Reklamen der Uferlokale, den Karussells und Achterbahnen, tummelt sich in den 1950er Jahren das Leben. In diesem außerweltlichen Mikrokosmos sammeln sich die Abgehängten; hinter dem Riesenrad und über einer Schießbude leben Ginny und Humpty in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Freakshow.

Das alles bewegt sich außerhalb von Allens erzählerischer Komfortzone. Also erfindet er Coney Island, das immer schon etwas Unwirkliches an sich trägt, noch einmal neu als Märchenland. Die Kamera von Vittorio Storaro lässt das Sommerlicht mal golden durch die Fenster scheinen, dann wieder von künstlicher Farbigkeit erhellen oder in ein kaltes Blau abstrahlen. In den Bildern lebt eine Magie. Ob gleiches auch für die Träume der Sehnsüchtigen gilt?

Ginny stand mal auf einer Musical-Bühne und jobbt nun als Kellnerin. Carolina, die lange von der Bildfläche verschwunden war, taucht wieder auf, weil die Schattenseiten des Lebens an der Seite eines Mafiosi offenbar wurden. Nur Humpty scheint mit dem Leben am Karussell zufrieden zu sein. Sein Traum beschränkt sich darauf, Carolina aufs College schicken zu können.

Jim Belushi dominiert als Humpty die Szenen nicht nur durch seine ohne Scham zur Schau gestellte enorme Leibesfülle, sondern auch durch den proletarischen Furor, der aus seiner Figur hervorbrechen kann. Sein Schreien, Nuscheln und auch sein Poltern macht die Emotionen sinnlich erfahrbar, während Ginny ihre Wünsche tief in sich versteckt hält.

Gleichwohl lässt die Schauspielerin Kate Winslet die Verzweiflung der Figur in sich wachsen und zeigt, wie ihr Verlangen nach einem anderen Leben auch an ihrem Körper.

Schöne Schrullen

Ihre Würde behalten alle in diesem Märchen, das wie nebenbei auch von einer durch und durch heutigen Patchwork-Familie erzählt. Der viel beschworene Mief der 1950er Jahre ist hier weit entfernt.

Die Liebe zu den menschlichen Sehnsüchten aber steckt so tief in diesem Stoff, dass die unvermeidlichen Spaziergänge schöner Menschen durch schöne Parks in der Nachmittagssonne sich als nebensächliche Schrulle eines Filmemachers ignorieren lassen.

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