Hamburg Manche Dinge erscheinen uns so vertraut und selbstverständlich, dass man bisweilen denkt: „Die waren schon immer da.“ Etwa die Lampen, die seit Jahr und Tag an Kindertischen befestigt sind, an Schreibtischen von Schülern, Studenten sowie Angestellten oder an Kellerwerkbänken von Heimwerkern. Alle ziehen und drehen beherzt an den beweglichen Lampenschirmen und den gelenkigen Metallgestellen, um sich den richtigen Durchblick zu verschaffen. Das „lenkbare Licht“ war aber nicht schon immer da, sondern wurde vor 100 Jahren erfunden vom Ingenieur und Tüftler Curt Fischer (1890-1956).

Dabei dachte der Thüringer aus Auma anfangs gar nicht an eine erhellende Alltagserleichterung für Privatleute. Curt Fischer war im Frühjahr 1919 in seiner Heimatstadt in die Firma seines verstorbenen Schwagers eingestiegen. Am neuen Arbeitsplatz, das Industrie-Werk Auma Ronne-berger & Fischer, fielen dem gelernten Funkingenieur rasch die miserablen Lichtverhältnisse auf, unter denen die Arbeiter Porzellandrehbänke und -pressen sowie Matrizen und Töpferscheiben für die Porzellanindustrie herstellten. Bis Herbst hatte Curt Fischer die Lösung ge- und zugleich das lenkbare Licht erfunden. Der Chef ergänzte die übliche herabhängende Deckenbeleuchtung durch Scherenwandarm-Lampen mit einem „verstellbaren Universalarm“.

Per Hand konnten die Arbeiter den Ausleger mühelos dorthin bewegen, wo sie das elektrische Glühbirnenlicht benötigten. Diese Innovation ermöglichte präziseres Arbeiten ohne lästige Schatten. Genial und der Startschuss für neue Modelle und Weiterentwicklungen anderer Lampen-Designer in Deutschland und im Rest Europas.

Die Ausstellung

Die Schau „100 Jahre lenkbares Licht. Ursprung und Aktualität beweglicher Beleuchtung“ ist ab Eröffnung zu sehen im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz, 20099 Hamburg. Geöffnet ist dann dienstags bis sonntags 10-18 Uhr sowie donnerstags 10-21 Uhr.

    www.mkg-hamburg.de

Einen Überblick der strahlenden Kreationen von der Frühzeit bis in die Halogen- und LED-Lampen-Gegenwart gibt die Ausstellung „100 Jahre lenkbares Licht. Ursprung und Aktualität beweglicher Beleuchtung“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die demnächst eröffnet werden soll. Der Kurator, Journalist und Curt-Fischer-Experte Thomas Edelmann hat für sieben Themenbereiche Dokumente, Zeichnungen und Fotos zusammengetragen sowie über 60 Metall-Lampen drapiert auf glänzenden Stahlrohrgestellen mit hellen Böden. Gut 40 der überwiegend schwarzen, schlanken und mit Patina versehenen Exponate stammen aus Auma.

Curt Fischer fertigte zunächst für den eigenen Betrieb, fragte aber parallel bei anderen Thüringer Unternehmern nach, ob die nicht auch Probleme mit der Arbeitsplatzbeleuchtung in den Werkshallen und Büros hätten. Sie hatten. So entwickelte sich der Porzellan-Quereinsteiger bis 1923 zu einem wegweisenden Lampendesigner und -fabrikaten, der mit seinen Produkten die Beleuchtungs-Szene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitprägte.

Zeit seines Lebens erhielt Curt Fischer über 160 Schutzrechte, Patente und Gebrauchsmuster für seine Entwürfe. Er vertrieb seine „Spezialbeleuchtungsgeräte“ unter dem Markennamen Midgard angelehnt an die nordische Mythologie. Das Logo zeigt eine Sonne, darunter ein Schirm und eine Schlange. Heute kennen Curt Fischer und dessen Midgard-Leuchten nur noch Spezialisten.

„Das war eine kleine Firma mit einem großen Namen“, sagt Thomas Edelmann und erläutert, dass Curt Fischer nicht auf Masse und Expansion gesetzt habe, sondern auf Qualität in kleiner Stückzahl. Der Unternehmer entwickelte seine Modelle ständig weiter und baute Speziallampen.

Ein Coup gelang Fischer mit dem Kontakt zum Bauhaus und dessen Gründer Walter Gropius. Nach dem Umzug der Design-Schule von Weimar gen Dessau gehörten Fischers Lampen ab Mitte der 1920er Jahre zur Bauhaus-Einrichtung und tauchten in Katalogen, auf Fotos und in Ausstellungen auf. Vor allem die Midgard-Tischarmleuchte Nr. 113, wegen ihres geschwungenen Halters auch „Peitsche“ genannt, machte Karriere als Design-Ikone. Über ein halbes Jahrhundert später schwärmte die einstige Bauhaus-Schülerin und Designerin Marianne Brandt (1893-1983) vom Arm dieser Leuchte: „Unsere Lampe war ja auch verstellbar, aber eben nicht so elegant.“

Licht, Lampen und Beleuchtung seien durch die zunehmender Elektrifizierung nach dem Ersten Weltkrieg ein großes Thema gewesen, meint Thomas Edelmann. Auf diesen Zug sprangen in den 20er und 30er Jahren sowohl große Konzerne wie AEG und Siemens, aber auch zahlreiche Designer, Bastler und Erfinder wie Curt Fischer. So erfand der Franzose Bernard-Albin Gras (1886-1943) einen einstellbaren Lampenhalter, während der Schwede Johan Peiler Johansson (1853-1943) seine an der Decke befestigten Triplex-Leuchten mit einem Doppel-Kugelgelenk ausstattete. Und der gelernte Silberschmied Christian Dell (1893-1974) aus Hanau erarbeitete sich unter anderem als Werkmeister am Bauhaus einen Ruf als einflussreicher Gestalter von Funktionsleuchten.

Curt Fischer grübelte weiter und entwickelte für die Stativleuchte Nr. 114 Mitte der 1930er Jahre ein selbstschmierendes Zweischraubengelenk. „Damit ist es möglich, die Leuchte mit nur einer Hand zu positionieren“, erklärt Lampenfachmann Thomas Edelmann. Noch vor dem Tod von Curt Fischer übernahm dessen Sohn Wolfgang das Unternehmen. Dieser machte seinen Vater Anfang der 50er Jahre auf eine Federzugleuchte aufmerksam, die der Brite George Carwardine 1932 erfand und die unter dem Namen Anglepoise, zu deutsch etwa Winkelbalance, auf den Markt kam.

Auch die Federzug-Variante aus Thüringen verkaufte sich zigfach und wurde zu einem wichtigen Exportartikel in der DDR. Nach der Wende wurde ihm die Firma rückübertragen und als Midgard-Licht GmbH etabliert, ohne langfristigen Erfolg. Vor fünf Jahren übernahmen die Hamburger Möbelunternehmer Joke Rasch und David Einsiedler die Lampen-Manufaktur und verlegten diese in die Hansestadt. Seit 2017 produzieren sie Midgard-Klassiker, darunter die Federzugleuchte und das einst populäre Modell Nr. 113.

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