Mainz Kurz nach Kriegsende 1945, zu Beginn der Nürnberger Prozesse, brachten die Amerikaner die Zeugen, die im Gericht aussagen sollten, in einer beschlagnahmten Villa unter. In dieser grotesken, hauptsächlich nach juristischen Gesichtspunkten zusammengewürfelten Wohngemeinschaft trafen Zeugen der Anklage und der Verteidigung aufeinander - Nazi-Mitläufer, Überlebende der Konzentrationslager und Angehörige der Widerstandsbewegung. Sie belauerten sich gegenseitig und versuchten, hinter die Fassaden der anderen zu blicken. Gastgeberin des Hauses war eine eigens dafür engagierte ungarische Gräfin, die für ein kultiviertes Miteinander sorgen und die Gäste dezent beaufsichtigen sollte.

Der dramatische Film von Magnus Vattrodt (Drehbuch) und Matti Geschonneck (Regie) entstand nach Motiven des gleichnamigen Buches von Christiane Kohl und erzählt die Geschichte von acht der über hundert Zeugen, die in dieser Zeit in der Villa wohnten. Das ZDF zeigt den historischen Filmstoff am Montag um 20.15 Uhr, gefolgt von der Dokumentation „Das Zeugenhaus - wider das Vergessen“ von Annette von der Heyde um 22 Uhr.

Im dem gediegen eingerichteten „Zeugenhaus“ verfolgen die Bewohner den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher übers Radio, erzählen Vattrodt und Geschonneck zu Beginn des Films. Gräfin Belavar (Iris Berben) begrüßt die ersten Gäste und führt sie in ihre Zimmer. Es sind Heinrich Hoffmann, der ehemalige Leibfotograf Hitlers (Udo Samel), der sich ein Zubrot verdient und heimlich seine Bilder auf dem Schwarzmarkt verhökert. Er kommt in Begleitung seiner naiven Tochter Henriette (Rosalie Thomass), die um ihren Gatten, NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, bangt. Auf den Fluren und beim Essen begegnen sie den anderen Zeugen wie zum Beispiel Generalmajor Erwin Lahousen (Matthias Brandt), einem Überlebenden des Widerstands, oder Gisela Limberger (Gisela Schneeberger), Hermann Görings Privatsekretärin, die die Ereignisse mit sarkastischen Bemerkungen kommentiert.

Edgar Selge spielt den stillen Herrn Gärtner, der nichts mit den anderen zu tun haben will und lieber allein in der Küche isst. Er scheint von Alpträumen geplagt zu sein und hackt den ganzen Tag Holz. Ein anderer Zeuge, der sich Herr Ross nennt (Matthias Matschke), versichert, völlig fehl am Platze zu sein, und verfasst eine Eingabe nach der anderen. Eine schweigsame junge Dolmetscherin (Vicky Krieps) enthüllt erst im Gerichtssaal ihre grauenvollen Erfahrungen in den französischen KZs, und Thomas Moretti - in der Rolle des Gestapo-Gründers Rudolf Diels - spielt einen charmanten Opportunisten, der die Gräfin zugleich umgarnt und bei den Amerikanern anschwärzt.

Gräfin Belavar, düster und dramatisch dargestellt von Iris Berben, zieht im „Zeugenhaus“ die Fäden und berichtet Bernstein (Samuel Finzi) von der Spionageabwehr der US Armee. Sie hat eine schreckliche Familientragödie hinter sich. Nur Bernstein kennt ihr Geheimnis und respektiert es, solange sie das Gästehaus im Griff hat.

Die historische Gräfin allerdings hieß Ingeborg Kalnoky und hatte im Gegensatz zum Film kein düsteres Geheimnis. Sie leitete das Zeugenhaus bis Ende 1947 und siedelte dann in die USA über, wie der Zuschauer in der anschließenden Dokumentation erfährt. Ihre Notizen aus Nürnberg wurden erst 1997 bekannt, als die Buchautorin Christiane Kohl über das Zeugenhaus recherchierte.

Regisseur Geschonneck und Drehbuchautor Vattrodt gelingt es im „Zeugenhaus“ scheinbar mühelos, die alltägliche Konfrontation zwischen Tätern und Opfern zu einem faszinierenden Kammerspiel zu verdichten. Geschonneck hatte zweimal abgelehnt, den umfangreichen Stoff zu verfilmen. Doch zu Ehren seines Vaters, der das KZ überlebte, nahm er schließlich an und entschied sich für eine leichte, fast unterhaltsame Herangehensweise und so etwas wie eine filmische Gratwanderung zwischen Grauen und Groteske.

Dass man dem Film mit steigendem Interesse zusieht, liegt zum einen an den hervorragenden Darstellern, zum andern an dem persönlichen Engagement der Macher. Wichtig sei, so betont zum Beispiel Edgar Selge zum Schluss, dass wir Deutschen wüssten, was wir getan haben. Und ein Gefühl dafür bekämen, dass niemand unbeschadet blieb. Noch heute blickten wir in die Hölle, wenn wir in die Augen der Beteiligten schauten.

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