BREMEN

Von Reinhard Rakow BREMEN - Nach zwei Stunden ist es so weit: Das berühmteste „Ach!“ der Literaturgeschichte fällt, Schlusspunkt und Ausrufezeichen zu Heinrich von Kleists „Amphitryon“. Der es entfährt, Alkmene, fehlen die Worte. Denn dem sie sich hingab, war nicht der, den sie sich dachte (Amphitryon, der Gatte), sondern ein anderer: Jupiter, zu den Menschen hinabgestiegen, der sich, um ihrer habhaft werden zu können, der Gestalt Amphitryons bediente.

Ihr entsagendes „Ach!“ verdichtet die Boden- und Aussichtslosigkeit, in die Jupiter sie mit seinem Spiel der Identitäten stürzte. Sie und Amphitryon, der die Konfrontation mit dem göttlichen Doppelgänger — mit dem (mehr) wissenden Spiegelbild – ebenso ertragen muss wie, eine Ebene niedriger, der Diener Sosias die Begegnung mit seinem „Double“ Merkur.

Keinem der Protagonisten in Kleists „Lustspiel“ bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage erspart, wer wirklich, in Wahrheit, wer sei. Wer bist Du? Wer bin ich? Und wenn ich nicht ich bin: Wer, schlimmer noch: Was bin ich? Dass Jupiters Antwort, als Gott sei er in allem, ihr nicht weiterhilft, macht Alkmenes Verzweiflung gerade aus.

Michael Talke hat am Bremer Schauspielhaus einen „Amphitryon“ in Szene gesetzt, der Kleists Ringen um Wahrheit und Identität in erster Linie Kleist selbst überlässt. Ganz dem Wort vertrauend, moduliert der Regisseur zusammen mit vorzüglichen Akteuren (unter anderen Guido Gallmann als Jupiter, Irene Kleinschmidt als Alkmene) den Sog Kleistscher Sprachgewalt, in den er kaum eingreift, allenfalls, äußerst sensibel, be- und entschleunigend, einem noch besseren Verständnis des Textes zuliebe.

Schon aus dem ergibt sich hinlänglich die zeitlose Modernität des Stückes. Aktualistischer Verrenkungen bedarf es kaum, Bühnenbild (Barbara Steiner) und Kostüme (Ellen Hofmann) akzentuieren sparsam und sinnfällig: Die Handelnden agieren in heutigem Outfit, die Herren tragen Schlips, die Götter auch, man ähnelt einander, man setzt sich aus-einander mit Hilfe von Stühlen, einem Lebensordnungsrequisit des privaten Kleist in seiner Kant-Krise.

Dass Michael Talke so viel Vollkommenem noch eine Art Rahmenbild überstülpte, in dem die Schauspieler immer gleiche Gummimasken mit dem Bild eines kahlköpfigen Alten tragen, mag wohl ein erhobener Zeigefinger zu viel gewesen sein; an der Geschlossenheit und Überzeugungskraft der großartigen Aufführung änderte das nichts.

Karten und Infos:

Tel. 0421/3 65 33 33

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