Hamburg Nun hat er es doch getan. Rechtzeitig vor seinem 80. Geburtstag an diesem Dienstag veröffentlichte Wolf Biermann seine Autobiografie. Der Titel für die mehr als 500 Seiten Lebensbericht ist ein Selbstzitat: „Warte nicht auf bessre Zeiten“ (Propyläen Verlag) nannte Wolf Biermann 1973 eine Langspielplatte.

Während es ihm damals um Zivilcourage im Sinne eines „wahren Sozialismus“ ging, ist seine Botschaft nunmehr eine andere: „Die schlechteste Demokratie ist unendlich viel besser als die beste Diktatur.“ Der 80. Geburtstag fällt mit einem weiteren Ereignis zusammen: Vor 40 Jahren wurde Biermann aus der DDR ausgebürgert.

Jubiläum ohne Jubelei

Die Entscheidung des SED-Staates vermeldete die Ost-Berliner Nachrichtenagentur ADN am 16. November 1976. Zuvor hatten die DDR-Behörden Biermann nach elf Jahren Berufsverbot überraschend eine West-Tournee genehmigt – um sich seiner kurzerhand zu entledigen. Der Ausgesperrte erfuhr davon drei Tage nach dem Konzert in Köln auf einer Autofahrt nach Bochum: „Ich war wie in die Tonne getreten.“ Seither ist die Wiederkehr dieses Datums für ihn „ein Jubiläum ohne Jubelei“. Er zog nach Hamburg, wo er 1936 geboren wurde.

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Als 16-Jähriger ging Biermann 1953 in den Osten, weil er „lieber in der DDR von den richtigen Leuten das Richtige lernen“ wollte. Das hatte nicht zuletzt mit seiner Familie zu tun: Seine Eltern waren Kommunisten, sein jüdischer Vater wurde in Auschwitz ermordet. Die traumatische Langzeitwirkung dieser Zäsur beschäftigt ihn bis heute. Einst weckte sie in ihm den „uralten Kinderglauben an den Kommunismus“. Ohne diesen Glauben, so Biermann, wäre er in der DDR „im Krieg gegen diese Altmänner-Diktatur zusammengebrochen“.

Erste Blessuren verpasste der junge SED-Staat dem 16-Jährigen aus dem Westen schon kurz nach der Ankunft in Gadebusch bei Schwerin. Die Attacken galten Biermanns öffentlicher Kritik am Tribunal seiner Schule gegen Mitglieder der Jungen Gemeinde. Die evangelische Jugend war damals landesweit einer massiven Hetzkampagne ausgesetzt.

Trotz dieser frühen Negativ-Erfahrungen in der DDR hielt Biermann lange Jahre fest an seinen Illusionen von einem gerechten Gemeinwesen unter kommunistischen Vorzeichen. Daran konnten auch die wiederholten Verbote von Veröffentlichungen und Auftritten nichts ändern.

Biermann war keineswegs der einzige kritische Geist, der Unrecht in der DDR beim Namen nannte und die SED-Bonzen attackierte. Nach 1971 erlagen dann etliche Autoren und Künstler zunächst der Illusion, die DDR würde unter dem neuen SED-Chef Erich Honecker liberaler. Vergessen schien die herausgehobene Rolle des nunmehr ersten Mannes beim kulturellen Kahlschlag von 1965. Damals hatte auch Biermann Berufsverbot bekommen, wurde seither rund um die Uhr bespitzelt.

Welle der Solidarität

Kritik von links konnten und wollten die Machthaber in der DDR nicht ertragen. Umso größer war ihr Entsetzen nach dem Versagen der Stasi im September 1976.

Damals konnte Biermann zu einem evangelischen Regionalkirchentag in Prenzlau ungehindert in der dortigen Nikolaikirche auftreten. Sein erstes Konzert nach elf Jahren war sein letztes vor der Ausbürgerung. Diese löste in der DDR eine beispiellose Welle der Solidarisierung aus. Deren Heftigkeit überraschte selbst die SED-Führung. Sie antwortete mit einer verstärkten Stasi-Überwachung. Biermann selbst nennt die Turbulenzen nach 1976 „die wildeste Achterbahn meines Lebens“.

Gründlich geheilt gibt er sich inzwischen vom „Irrglauben“, wonach „Demokratie und Kommunismus zusammen funktionieren können“. Eines aber weiß Biermann auch: Er war, insbesondere im Vergleich mit politisch Verfolgten und Gefangenen in der DDR, trotz allem „ein Glückskind“.

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