BREMEN Wie wäre es mit einer Reise in die Zukunft? Im Bremer Schauspielhaus entführt Regisseur Robert Schuster mit seiner „Volksfeind“-Inszenierung überraschender Weise in ein futuristisches Szenario. Dort gibt es Chöre von Platon zu hören und merkwürdige Neo-Menschen in einem altgriechischem Bühnenrund zu sehen.

Am Ende lässt Schuster die Geschichte vom tapferen Individualisten (völlig werkgetreu) ins Faschistische umkippen. Viel Denkstoff wurde also geboten, der bei der Premiere beim Großteil des Publikums auch gut ankam.

Schusters Version des Stückes beginnt im Jahr 2093. Auf den Stufen eines Amphitheaters hockt ein Häuflein von futuristischen Bademantelträgern, die sich aufmachen, dem Begründer ihrer neuen Religion zu huldigen. Der aktuelle Superstar heißt hier nicht Jesus Christus, sondern Thomas Stockmann. Im Hintergrund leuchtet als Silhouette eine Ikone dieser Lichtgestalt. Früher war dieser Religionsbegründer mal Badearzt in einem Theaterstück von Hendrik Ibsen. Ein Individualist, wie man sagt, der mit seiner Entdeckung eines Giftwasserskandals die öffentliche Finanzkasse seiner Stadt zu sprengen drohte. Womit wir mittendrin wären in den Verschachtelungen, die dieser Öko-Thriller mit sich bringt.

Regisseur Schuster ver-schiebt das alles nun in Rich-tung eines epischen Theaters voller politischer Anspielun-gen. Ein raffiniertes Spiel auf vielen Ebenen beginnt: So gibt es eine Art Rahmenhandlung, bei der die Zukunftsmenschen das eigentliche Ibsen-Stück als Passionsspiel aufführen. Dies ist ein recht schräger Einstieg, der aber im Laufe des Spiels immer plausibler wird. Trägt Stockmanns Kampf gegen die etablierte Obrigkeit nicht ähnlich heroische Züge, wie einst Jesus‘ Auflehnung gegen die Tempelherrn?

Unter dieser Prämisse wird nun das Stück wie ein Satyrspiel angegangen. Mit grotesk verknoteter Körpersprache eiern dort die Dorfgrößen herum: ein windelweicher Lokalreporter (Christoph Rinke), ein pomadiger Immobilienmakler (Thomas Hatzmann) eine listige Redakteurin (Johanna Geissler) sowie natürlich der fürchterlich grimassierende Bürgermeister (Jan Byl) bilden jene schaurige Volksgemeinschaft, gegen die der Aufklärer Stockmann (Glenn Goltz) nur verlieren kann. Am Ende schwenkt der wackere Einzelkämpfer ungebremst ins Menschenfeindliche um. Und das Bremer Ensemble hat eine intelligente Debatte über die Grenzen der Demokratie abgeliefert.

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