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Oldenburg Güllen, von Friedrich Dürrenmatt in der Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ irgendwo in Mitteleuropa angesiedelt, ist ein trauriges und bankrottes Nest. In der niederdeutschen Inszenierung „De oole Daam“ (Übersetzung von Annedore Christians) mit gut 30 Mitwirkenden der August-Hinrichs-Bühne, die am Sonntag im ausverkauften Kleinen Haus Premiere hatte, wartet ein Sterntaler-Mädchen vor der tristen Bretterwand eines geschlossenen Geschäftes auf den großen Geldsegen, den die Milliardärin Claire Zachanassian bringen soll.

Verzweifelter Gejagter

Es ist einer von vielen netten, zuweilen schrillen Einfällen des Regisseurs Ekat Cordes, der einmal mehr ein Händchen fürs Groteske und Skurrile beweist. Dem Premierenpublikum hat es gefallen, es spendete minutenlang begeisterten Applaus.

Claire Zachanassian (Rita Martens brilliert als skrupellose, rachsüchtige und verbitterte Frau) macht Güllen ein großzügiges Angebot: 500 Millionen für die Stadt, 500 Millionen für die Bürger, wenn sie Alfred Ill, ihre Jugendliebe, töten. Helge Ihnen gelingt die Wandlung vom überheblichen Unschuldslamm zum verzweifelt Gejagten ganz vorzüglich.

Ill hat Claire einst schwanger sitzen lassen und eine andere Frau geheiratet. Claire verließ die Stadt, verlor ihr Kind, überlebte als Prostituierte und heiratete einen reichen Mann nach dem anderen. Sie will endlich Gerechtigkeit und geht dafür über Leichen. Für Geld kann man sogar den Teufel tanzen lassen. Menschlichkeit sei etwas für den Klingelbeutel der Kirche, lässt sie die Güllener wissen.

Das Ensemble vereint mehrere Generationen und überzeugt mit großer Spielfreude. Sein komisches Talent voll ausspielen kann Jakob Rohde als Claires Gatten sieben bis zehn, Benno von Minden und Thomas Hellmold agieren als Kaugummi kauende Schergen verlässlich im Hintergrund, Heinz-Dieter Grein setzt als Butler Akzente.

In ihrem Element sind Melanie Lampe als Lehrerin und Manuela Simon als Ärztin. In weiteren Rollen zu sehen sind Gert Prahm, Dieter Hähnel, Karin Bremermann, Annika Printz, Nico Thomsen, Ingrid Müller-Glade, Leonie Grote, Björn Müller, Uwe van Deest, Andrea Spiekermann, Friederike Ische, Christa Legner, Hildburg Schreyer, Frank Fokke Eden, Holger Schulz, Marion Horst, Jendrik Ische, Peter Deutscher und Helmut Loewenstein.

Goldene Schuhe

Die Güllener, allen voran der Bürgermeister und der Pastor (mit Dieterfritz Arning und Hajo Freitag perfekt besetzt), lehnen das Angebot der Milliardärin zunächst empört ab. Wortreich wird auf die abendländischen Prinzipien verwiesen, denen man sich verpflichtet fühlt. Der Pastor rät Ill zur Flucht, um die Bürger Güllens nicht in Versuchung zu führen.

Ill vergibt die Chance zur Flucht, und bald schon tritt der Sinneswandel sichtbar zu Tage. Die Güllener tragen goldene Schuhe, kaufen sich teure Autos und Pelzmäntel. Die Jagd ist eröffnet. Bewaffnet mit Gewehren schleichen selbst Bürgermeister und Pastor über die Bühne, auf der Suche nach der Beute. Claire Zachanassians Rechnung geht auf: Die Gier siegt über die Menschlichkeit.

Ill erkennt die Ausweglosigkeit seiner Situation, auf ihn wartet ein Mausoleum auf Capri. Ihm ist nicht mehr zu helfen, aber den Güllenern auch nicht. Der Bürgermeister verkündet, ganz staatstragend, die einmütige Entscheidung der Ratsversammlung: Ill muss sterben – für die Gerechtigkeit.

Das ist in logischer Regie-Konsequenz inszeniert wie die aufgeregte Livesendung eines Privatsenders vom Tatort eines Verbrechens und steigert sich, als der Scheck endlich auf der Bank eingelöst werden kann, zur großen Polonaise. Die Schlussszene krönt mit Brimborium eine mitreißende Inszenierung.


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Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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