Oldenburg Die Mitteilung kam mit derselben Beiläufigkeit daher wie Schabowskis „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ – und mindestens für die versammelte Musikwelt hatte sie am 10. April 1970 eine nicht mindere Sprengkraft, als Paul McCartney ein „Interview mit sich selbst“ veröffentlichen ließ: „Vermisst du die Beatles? - Nein. Planst du noch weitere Aufnahmen mit den Beatles? - Nein!“

Natürlich ging es damals nicht wirklich um Leben und Tod, wobei das Aggressionspotenzial der Musiker untereinander bei weiterer Studioarbeit wohl dazu geführt hätte. Dennoch kam McCartneys Bekanntmachung an diesem April-Tag im Jahr 70 nicht nur für das eigene Apple-Label überraschend. Sie verstörte die zahllosen Fans massiv, weil die Band doch scheinbar noch immer in der Lage war, überragende Musik zu fabrizieren.

Doch spätestens seit den Aufnahmen zum „White Album“ 1968 war nichts mehr in Ordnung. Aus den „Fab Four“ waren die drei Fraktionen John/Yoko, George und Paul geworden, die sich zur Durchsetzung ihrer musikalischen Ideen täglich neue Koalitionspartner suchten. Zur Mehrheitsfindung wurde Ringo gebraucht, der am Schlagzeug eigentlich nur seine Ruhe haben wollte.

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Verfilmte Hölle

Die Zusammenarbeit war die Hölle, wie das 1969 gefilmte Rohmaterial von Regisseur Michael Lindsay-Hogg beweist, das eigentlich als Dokumentation „Get Back“ in die Kinos kommen sollte und nach zahllosen Streitereien unter dem Namen „Let It Be“ am 13. Mai 1970 in den USA Premiere hatte. Eine Woche übrigens nach der Veröffentlichung des Albums mit demselben Namen am 8. Mai.

Wie so oft suchte die Öffentlichkeit nach schnellen Antworten. Dass George Harrison, dessen Genialität als Komponist und Gitarrist lange Zeit von Lennon/McCartney gedeckelt wurde, kurzzeitig die Band verlassen hatte, blieb ebenso verborgen wie der wichtige kreative Einfluss von Yoko Ono auf John Lennon und Linda Eastman auf Paul. Aber je nach Grad der Deutungshoheit waren am Ende sowieso die Frauen schuld.

McCartneys verklausulierte Erklärung, er habe die Beatles verlassen, war eigentlich die Pressemitteilung für sein erstes Solo-Album, in der erklärt, „er habe gern allein gearbeitet, sich von den Beatles wegen ,persönlicher, gesellschaftlicher und musikalischer Differenzen’ getrennt und könne sich nicht vorstellen, mit Lennon wieder Songs zu schreiben“, wie Beatles-Biograf Mark Hertsgaard in seinem 1995 erschienen Buch „A Day In The Life“ vermerkt.

„Nicht mehr so lustig“

Das musikalische Vermächtnis der Beatles mit den Alben „Rubber Soul“ (1965), „Revolver“ (1966), „Sgt. Pepper’s“ (1967), „The Beatles“ (1968) und „Abbey Road“ (1969) reicht für zehn Band-Leben aus. Diese kreative Über-Plansoll-Erfüllung hatte alle viel Substanz gekostet. „Wir waren so weit gegangen, wie wir miteinander gehen konnten“, bilanzierte Ringo lapidar. Und George ließ tief blicken mit dem Satz: „Am Ende war es für uns nicht mehr so lustig wie für Euch.“

Gründe für die Trennung gab es also reichlich, zumal die Ideengeber der einzelnen Solo-Projekte in Indien (George), in New York (John) oder in der englischen Provinz (Paul) zu finden waren. Dass ausgerechnet McCartney es war, der das Aus indirekt verkündete, kam überraschend, galt er doch bis zuletzt als Treiber und Klammer der Band zugleich. „Macca“ war gern Anführer, wohl deshalb wollte er es sein, der den Laden zumacht.

Auf seinem ersten Solowerk „McCartney“ sang und spielte er übrigens sämtliche Instrumente selbst. Laut Pressetext waren dies Bass, Schlagzeug, Gitarre, Klavier, Mellotron, Xylofon sowie Pfeil und Bogen – wohl mit einem letzten Gruß an die Ex-Kollegen.

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Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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