Frage: Stimmt es, dass Sie als Betreuerin der Autoren persönlich Wert darauf legen, alle Lesungsorte mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzufahren?
Eden: Das mache ich tatsächlich, aber es ist eher aus der Not geboren: Ich habe kein Auto. Immerhin führt diese Art der Anreise nicht nur zu umständlichen Fahrten, sondern auch zu kuriosen Beobachtungen.
Frage: Was war denn kurios?
Eden: Das war der Weg von Oldenburg nach Horumersiel. Das letzte Stück ab Wilhelmshaven musste ich mit dem Bus fahren. Dabei konnte ich aber auch eine sehr schöne Beobachtung machen.
Frage: Und zwar welche?

Zum „Literarischen Landgang“

Das Stipendium „Literarischer Landgang“ existiert seit 2015. Es wird von der Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg finanziert und umfasst für den ausgewählten Schriftsteller eine Erkundungstour (5000 Euro) durchs Oldenburger Land und eine Lesereise (5600 Euro) an sieben Stationen im Frühjahr danach.

Das Stipendium erhielten Matthias Politycki (2015) und Marion Poschmann (2016). Im Herbst 2017 war der Berliner Autor Michael Kumpfmüller Stipendiat. Er kommt nun ab 28. Mai zu sieben Lesungen ins Oldenburger Land. Informationen unter: Telefon 0441/235 30 14 

Infos unter: www.literaturbuero-oldenburg.de

Eden: Ich weiß seitdem, wie man in der Küstenregion die Touristen von den Einheimischen unterscheiden kann. Einheimische werden flächendeckend vom Busfahrer gegrüßt. Touristen ignoriert er.
Frage: Die Lesereise mit den Autoren beginnt traditionell im Mai ...
Eden: Deshalb gibt es auch traditionelle Gerichte, wenn wir nach den Veranstaltungen essen gehen. Spargel oder Mai-Scholle. Mit dem Schriftsteller Matthias Politycki habe ich an fünf von sieben Lesetagen Scholle gegessen. Wir haben von Station zu Station einen regelrechten Wettbewerb um Größe und Qualität eröffnet.
Frage: Wo war die Mai-Scholle am besten?
Eden: An der Küste, dort auch gern mal tellerbedeckend.
Frage: Was waren die schönsten Erlebnisse beim Literarischen Landgang?
Eden: Zum Beispiel mit der Autorin Marion Poschmann die Entdeckung eines japanischen Gartens bei Lohne, den wir während ihrer Lesereise besichtigen durften. Ein privat betriebener, großartiger japanischer Garten mitten im Oldenburger Münsterland! Marion Poschmann hat auch in Erfahrung gebracht, dass Lohne für die Kunststoffproduktion in Deutschland eine zentrale Rolle spielte. Beim Essen nach der Veranstaltung – Spargel! – haben wir in einem Restaurant die Blumendekoration in den höchsten Tönen gelobt. Bis wir bemerkten, dass sie aus Plastik bestand. Die Schriftstellerin hat das so beeindruckt, dass sie mir seitdem Fotos täuschend echter oder besonders scheußlicher Kunststoffblumen schickt, die sie bei ihren Reisen antrifft. „Hotelvegetation“ nennt sie das Projekt.
Frage: Was wurde von den Autoren in der Region negativ wahrgenommen?
Eden: Marion Poschmann hat einen kritischen Blick auf die Massentierhaltung geworfen. Mithilfe der sogenannten Großvieheinheit hat sie ausgerechnet, an wie vielen theoretischen, unsichtbaren Schweinen sie vorbeigefahren sein muss. Matthias Politycki bedauerte, dass er selbst in den kleinsten Dörfern zwischen all den Kebab-Häusern und Asia-Imbissen kaum eine norddeutsche Gastwirtschaft gefunden hat. Aber Michael Kumpfmüller hat Delmenhorst zu seiner Lieblingsstadt erklärt. Ausgerechnet die Stadt, mit der die anderen beiden Schriftsteller eher den Wollepark und das Jutecenter verbanden. Das ist doch ausgleichende Gerechtigkeit.
Frage: Die Erkundungstour im Herbst wird stets per Auto erledigt?
Eden: Der bekennende Marathonläufer Mathias Politycki hat darauf bestanden, ein Auto ohne Navi zu bekommen – er liebt klassische Landkarten. In die zeichnet er ein, wo er überall gewesen ist. Marion Poschmann hat alle Etappen mit dem Fahrrad abgefahren. Das hatte sie tatsächlich aus Berlin mitgebracht.
Frage: Allen hat die Nordwest-Region Spaß gemacht?
Eden: Ja, sie waren gern zweimal im Oldenburger Land unterwegs. Erst bei der Erkundungstour und dann mit mir bei der Lesereise im Frühling. Alle kannten Oldenburg zuvor schon ein wenig, aber nicht das Umland.
Frage: Hatten die Autoren für alle Fälle Gummistiefel mit?
Eden: Zumindest Wanderschuhe für das unwegsamere Gelände, in das sie sich bewegt haben.
Frage: Markante Orte, wie das Museumsdorf in Cloppenburg, sind für die Autoren bei Ihrer Erkundungstour Pflicht?
Eden: Ich verordne kein Pflichtprogramm und auch keine Pflichtbesuche. Der Blick der Schriftsteller ist unvoreingenommener, wenn ihnen kein Museumsleiter oder Tourismusmanager erklärt, wofür sie sich begeistern sollen. Wir wünschen uns ja keine markigen Werbetexte für das Oldenburger Land.
Frage: Sondern?
Eden: Das Oldenburger Land soll in die Gegenwartsliteratur geholt werden, darum geht es. Deshalb locken wir mit dem Stipendium hochkarätige Schriftsteller in unsere Region. Der eine schreibt dann ein Essay, der andere Gedichte oder ein Reisetagebuch. Die Form darf frei gewählt werden.
Frage: Entsteht irgendwann ein Buch mit allen Texten der Autoren zum Oldenburger Land?
Eden: Das ist tatsächlich geplant.
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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