Oldenburg Die schönsten Augenblicke im Theater sind vielleicht die, in denen Schein und Sein verschwimmen, so dass man sich fragt: Was ist da echt, was gespielt?

So ein Moment taucht gleich zu Beginn des „Revisors“ in Oldenburg auf, wenn der Schauspieler Gilbert Mieroph aus einer Seitentür auf die Bühne tritt und ernst erklärt, es gebe, wie man sich wohl denken könne, jetzt Nachrichten fürs Publikum: Die Gute? Die Schauspieler sind da. Die Schlechte? „Ein Revisor ist in der Stadt.“ Den Augenblick sollte man genießen. Und sich für die nächsten 100 pausenlosen Minuten merken. Es sollte nämlich einer der schönsten im Kleinen Haus des Staatstheaters bleiben.

Regisseur Marc Becker hat das Stück von Nikolai Gogol über eine korrupte Gesellschaft, die aus Angst vor Entdeckung ihrer Korruption einen harmlosen Kerl als Revisor zu erkennen meint, tüchtig überdreht. Er macht das seit Jahren in Inszenierungen, er legt immer noch ’ne Schippe an Gags drauf, wenn man glaubt, jetzt sei der Spaß doch durch: Hier eine moderne Anspielung, dort ein paar Faxen. Darfs ein Kalauer und ein wenig Slapstick mehr sein? Es darf. Hier die Hosen runter, dort eine eklige Spinne am Faden, hier eine ausgestopfte Giraffe, dort ein Denkmal, das eine Minibar im Sockel enthält – etliche Einfälle, einige infantil, viele albern, manche zum Ablachen.

Kostümbildnerin Alin Pilan hat die Honoratioren in fast verschrobene Kostüme stecken lassen. Die schrillen Figuren könnten Comics oder Karikaturen entsprungen sein. Die Absteige des Revisors wurde auf einer sich mehr und mehr öffnenden Bühne voll verholzt. Die Kammer ist extra niedrig, alle müssen sich bücken, alle sich erniedrigen. Die Postmeisterin von Hanna Franck trägt putzigste Zöpfe, eine andere Figur pfeift wegen eines Zahnlochs immer beim Reden. Vincent Doddema spielt einen Diener, der auf der Flöte spielt, wenn er was sagen müsste. Dem Schulmeister hat man eine Wollmütze verpasst, die wie eine umhäkelte Klorolle aussieht.

Die eigentliche Hauptrolle nimmt neben dem betont blass wirkenden Revisor Chlestakow (Eike John Ahrens) Gilbert Mieroph als Stadthauptmann ein. Er spielt das prima, was die Postmeisterin einen „Schleimscheißer“ nennt. Herrlich glänzen mit ihm als Botox-Bunny Eva Maria Pichler und als panische Tochter Sarah Bauerett. Beide Frauen quasseln so schön schnell, dass man sich die Ohren abschrauben möchte.

Das Stück ist in Oldenburg mehr Totalsatire als traditionelle Komödie. Das Publikum wird augenzwinkernd als Kumpel gesehen, aber auch als Richter über die Oberen einer Provinzstadt. Bis in die Nebensätze hinein, die auch mal unberührt bleiben, strahlt das Bild einer kaputten Gesellschaft: „Ohne ein bisschen Lügen kann man nicht kommunizieren.“ Und ohne Klamauk kann Regisseur Becker nicht leben. Derlei kann man mögen. Muss man aber nicht.


Infos unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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